Diskurs
Hier erscheinen Texte aus unserem Newsletter – politische, gesellschaftliche und erkenntnistheoretische Notizen. Sie sind nicht primär an Aktualität gebunden, sie entsprechen einer Haltung.
Musik, Literatur und Diskurs – kuratiert.
Die Texte stehen ohne Kommentarbereich. Reaktionen gerne per Mail: hoi.at.middleofswitzerland.ch
Ewiges Leben
in einer endlos scheinenden Welt
Das Jahr ist vorbei, denken wohl einige, vielleicht nur weil es für diejenigen hinüber ist. Schauen wir auf die Ereignisse genauer hin, stellen wir schnell fest, dass nichts wirklich vorbei ist. Die Sonne ist nur am genau gleichen Ort wie letztes Jahr. So genau, dass ein Wissenschaftlicher Geist schnell zu Zweifeln beginnt und ein mulmiges Gefühl von der ewigen Spiegelung bekommt. Darum macht er sich schnell auf die Suche nach Beweisen einer Veränderung. Die Ewigkeit ist im Grunde konstanter als Endlichkeit. Auf jeden Fall ist die Endlichkeit konstruierter als die Ewigkeit.
Die Ewigkeit oder Unendlichkeit ermöglicht all diese Möglichkeiten. Die Endlichkeit ist ein Versuch, uns zu befreien. Nach dem Tod dies und das. Dabei gibt es keinen Beweis für den Tod. Es gibt keine Abwesenheit vom Leben.
Nichts gibt es nicht. Nur als Konstrukt, das viele bühnentaugliche Vorzüge hat. Menschen sterben und sind nicht mehr da in dieser Form wie sie da waren. Haben sie Kinder gezeugt, dann leben sie in diesen noch weiter. Und dies gilt bei jeglicher Form ihrer Kreativität. Der tote Körper zersetzt sich durch Bakterien, seine Atome nehmen andere Verbindungen an. Es ist nicht sehr unwahrscheinlich, dass du ein Atom von Napoleon in dir hast, von einer Supernova, wohl sowieso, eines Triceratops oder von Hippokrates auch. Das Bewusstsein soll im Kopf sein.
Der letzte Satz ist auch so ein Versuch, die Endlichkeit zu preisen, damit wir endlich Ruhe von der Ewigkeit haben. Was ist Bewusstsein? Und was ist der Kopf? Ohne Raum keine Erinnerung. Wo ist diese Erinnerung gespeichert? Im Raum oder im Kopf? Oder ist da wieder die ewige Spiegelung im Spiel? Jedes Jahr genau gleich, als ginge es immer aufwärts mit der Sonne und dann wieder abwärts, dazwischen eine grosse Bühne der Ablenkung und wieder Aufwärts und wieder Abwärts. Ja, das wäre eine sehr lange Zeit, um uns mit den Dingen zu beschäftigen, die wirklich relevant sind. Etwa 80 Mal können wir dies versuchen. Bei so vielen Versuchen käme sicherlich etwas brauchbares heraus.
Wieso stellen wir uns einen Tod vor? Wie soll das Bewusstsein im Kopf sein, falls es überhaupt existiert? Bin ich der Herr meines Selbst? Gewiss nicht, wenn ich mich von der grossen Bühne ablenken lasse. Ist dieser letzte Versuch aber nicht auch dasselbe wie alles andere? Ein Versuch, die ewige Spiegelung als solches zu brechen? Wie wir als Kinder schon gelernt haben, ist eine Spiegelung sehr schwer zu besiegen. Meistens nur durch Ablenkung und vergessen. Ich glaube aber, dass wir gar nicht kämpfen müssen gegen die erschreckende Ewigkeit. Diese gibt mir das Gefühl einer möglichen Freiheit. Es birgt auch die Sorge vor dem Wahnsinn und genau darum bleiben so ziemlich alle auf der grossen Bühne der Ablenkung und nur ein paar wenige trauen sich darüber hinaus. Dafür kommen sie dem Ideal des ewigen Lebens, also einem bewussten körperlichen Leben am nächsten. Die Möglichkeit, alles in Betracht zu ziehen, wie im Sinne der Idee von Assassinen; «Nichts ist wahr, alles ist Möglich», gibt einem eine unglaubliche Freiheit. Und vergiss die ins Unendliche Dehnbarkeit der Zeit nicht!
«Zieh es in Betracht!»
«Was? Sowas ist unmöglich?»
«Wieso? Nur weil es noch niemand durfte?»
«Weil es sich niemand getraute?»
«Glaub mir, nichts ist wahr, alles ist möglich!»
«Aber das ist doch Wahnsinnig!»
«Ja! Es ist wahnnsinnig befreiend!»
In der Quantenphysik gibt es folgendes bewiesenes Phänomen: Ein Teilchen auf der Erde kann sich in bestimmten überprüfbaren und rekonstruierbaren Fällen ganz genau verhalten wie ein anderes Teil irgendwo im Weltraum und somit auch auf der Erde. Da fangen die Physiker aus Angst vor der ewigen Spiegelung der Ewigkeit an, an Gott zu glauben. Denn mit der Gottesvorstellung scheint die Welt fassbarer, linearer, berechenbarer, klarer. – Haben wir dies verstanden, sind wir ein wenig leichter. Klarer.
Vielleicht ist das der Weg?
Welcher Weg?
Der Weg in die Unendlichkeit, in das ewige Leben, leichter und leichter zu werden.
Ist es nicht einfach die Angst vor dem Tod, die uns am Leben erhält?
Eben, erhält! Heller und heller! Ein heller Kopf nahe am hohlen Kopf.
Jetzt rutsche ich auch auf die Bühne der ewigen Ablenkung, um mich von der ewigen Spiegelung der Ewigkeit abzulenken. Die Bühne der Ewigen Ablenkung ist quasi ein Reset-Knopf am Computer, der ihn wieder normal zum Laufen bringt, so wie er sollte. Obwohl es unendliche Möglichkeiten gibt, anders zu laufen. Der Beweis dafür ist der Reset-Knopf am Computer und die ständig neuen Computer mit ständig neuen, noch nie dagewesenen Möglichkeiten oder mit den schon immer dagewesenen Möglichkeiten, die wir nicht sehen, weil wir uns gerne von der Bühne der ewigen Ablenkung blenden lassen.
Sobald wir etwas ausserhalb des Tellerrandes sehen, drücken wir den Reset-Knopf um wieder in der Mitte des Tellers zu sein, wo der Rand gar nicht ersichtlich ist, geschweige was ausserhalb dessen ist. Ja, aus Angst, purer Angst, alles zu verlieren. Wir sind so tief in dieser Angst, dass wir die einfache Umkehrung des letzten Satzes als unglaublich betrachten. Dabei liegt es in der Hand: Wenn wir alles verlieren können, können wir auch alles gewinnen. – Ein bisschen länger gedacht: Können wir denn überhaupt etwas verlieren? Ist nicht alles da und es liegt einzig an uns, wie wir es sehen? Was wir damit machen? Frieden in der Ukraine? Ja klar! Um welchen Preis? Na, um jeden Preis, Menschenleben so schnell wie möglich retten! Darum geht es doch! Nicht? Um was sonst? Geopolitik? Ja, aber das kann auch ohne sterben geschehen! Wie? Stell dir vor, es ist Krieg und niemand geht hin! Ach, das ist doch Schwachsinn. Ja, da hast du wohl recht. Das kann sich kaum jemand vorstellen. Es ist jenseits von Gut und Böse, das versteht heute kaum ein Mensch. Obwohl es heute einfacher verständlich sein sollte. Ist es aber nicht.
Es gibt keine Linearität oder Kontinuität. Leben, Tod, Sterben, Sein, Nicht sein. – Ach, im Grunde ist es doch egal. – Keineswegs! Das wäre faul, was geschieht mit einer faulen Frucht? Das Ansteckende daran finde ich besorgniserregender. Die sterben aus. Wenn sie meine Warnung nicht hören, muss ich sie gehen lassen, denn ich will nicht angesteckt werden. Wach will ich sein, Hell! Leicht! Gibt es etwas leichteres als Gedanken? Wohl das Licht! Gibt es was schnelleres als Licht? Die Gedanken sind wohl irgendwo zwischen dem Schall und der Lichtgeschwindigkeit. Obwohl! Mein Grossvater würde mir da widersprechen. Als ich ein kleiner Junge war, fragte er mich, was das schnellste auf der Welt sei. Das Licht wohl! War meine klare Antwort. Nein, das sei es nicht. Die Gedanken meinte er! Jetzt in dieser Vorstellung kann ich auf dem Mond sein, während das Licht unterwegs ist. Er wäre wohl ein guter Quantenphysiker geworden. Auf jeden Fall verstand er die Metaphysik besser als seine befreundeten Pfarrer, die kaum jenseits von Gut und Böse denken konnten.
In diesem Sinne will ich dir etwas ganz Kleines für die ewige Spiegelung der Ewigkeit mitgeben. Nur logische mathematische Konstruktionen und Konzepte können richtig oder falsch sein und dies auch nur innerhalb dieser konstruierten Gesetzte und Räume. Die können zwar dienlich sein für weitere materielle Konstruktionen, aber auch diese haben Grenzen, so wie scheinbar unser Leben. Sind es schliesslich, so wie alle diese Buchstaben, nicht alles Versuche, dir und mir die Angst zu nehmen? Die Angst vor den unendlichen Möglichkeiten?
Ich glaube eben, dass wir keine Angst davor haben sollten. Denn alles endliche ist im Grunde ein Versuch, die Welt zu verstehen.
Durch Metaphern, Formeln und ähnlich komprimierende Konstrukte, wie auch die Logik, können wir vieles fassen. Das Fass ist aber endlos und vielleicht ein anderes. Haben wir keinen Gegenbeweis, müssen wir von der Unendlichkeit ausgehen und zwar überall! Und diese Unendlichkeit eröffnet uns unendliche Möglichkeiten! Ja, jetzt wiederhole ich mich. Ein Zeichen einer temporären Erschöpfung. Reset-Knopf? Nein! Keineswegs!
Weiter und zwar immer für das Leben! Wieso? Weil wir’s können!
Bujar Berisha
Erschienen im Dezember 2025
WLAU I MIR
Ein Bühnenwerk
Reportage aus der Zukunft von Geri Weber, Sonderkorrespondent der DANACHRICHTEN mit Zeitmaschine in der zukünftigen Ukraine.
Ich stehe im Windschatten eines frisch polierten Reiterdenkmals, das gestern noch Lenin war, heute zwei Reiter zeigt und morgen vermutlich eine Parkbank sein wird. Auf dem Sockel prangt in goldenen Lettern: «WLAU I MIR». Daneben in kleineren Lettern: «Lieber Bruder». Ich bin gelandet – nicht nur in Kiew, nicht nur in Moskau, sondern in einer merkwürdig zusammengefalteten Hauptstadt, die gleichzeitig beide ist.
«W-w-w…as für ein Schild», bringe ich heraus. Ich stottere nur, wenn ich nervös bin. Heute bin ich sehr nervös. Denn das Schild erzählt die Zukunft, die ich überprüfen soll: Die beiden Wladimirs – Putin und Selenski – sind ein Paar geworden. Es steht auf Postkarten, auf T-Shirts, auf Kantinenservietten. Es steht in Blicken, die ich einfange, wenn ich nachfrage. Es steht in der Luft wie frisch gestrichene Farbe.
Begegnung im Wintergarten
Das offizielle Statement – ich bekomme es, weil ich einen Reporter-Ausweis trage, auf dem «Gestern, Heute, Morgen» steht – wird in einem gläsernen Wintergarten verlesen. Ein Raum zwischen Zarenpalast und Start-up-Küche. Hinter der Pressewand hängen Sonnenblumen und eine Karte Eurasiens, auf der die Grenze wie ein Gummiband gelöst ist.
Selenski (den alle wieder zärtlich «Wolodja» nennen) tritt ans Mikrofon, Putin (den alle wieder förmlich «Wladimir Wladimirowitsch» nennen) einen halben Schritt daneben. Beide tragen dieselbe Krawattenfarbe – ein dunkles Grün, das an die Wälder der Karpaten erinnert oder an die Manschetten eines Duma-Sessels.
«Frieden», sagt Selenski, «ist kein Vertrag, sondern eine Praxis.» Er spricht leise. Putin setzt an: «Brüder sein heisst, sich zu widersprechen und zusammen zu bleiben.» Danach kommt eine Zeile, die alle zitieren werden: «Wladimir liebt Wladimir – und beide lieben die Ruhe.» Es klingt, als hätte ein Haiku eine Uniform angezogen.
Ich hebe die Hand. «W-w-was bedeutet ›Wlau i mir‹?», frage ich, schiebe hinterher: «Ich habe gehört, es heisse auf Albanisch lieber Bruder.» Selenski lächelt. «Die Worte sind wie Nachbarn. Man vergisst ihre Zäune. Wlau, vëlla, brat – alles Brüder. Und mir ist der Frieden. Wenn Sie wollen: Wir haben das Schild falsch geschrieben, aber richtig gemeint.» Putin meint mit einer belehrenden Note und einem Lächeln am Schluss: «Wir sind die Herrscher des Friedens, Brüder und Schwestern können das.»
Die Anwesenden lachen. Ich auch. Monty-Python-Humor hat seine Lieblingsdisziplin: die ernste Pointe im Clownskostüm.
Die Stadt, die zusammenwuchs
«Kiowgorod» ist eine seltsame, schöne Chimäre. Ein Boulevard heisst «Prospekt der Versöhnung», eine Seitenstrasse «Gasse der verpassten Gelegenheiten». Ein alter Mann verkauft Buttons: «Ein Land, zwei Wladimirs, null Kanonen.» Ein Junge zeigt mir eine Schulaufgabe: «Beschreibe die Zeit vor dem Frieden in genau fünf Wörtern.» Er hat geschrieben: «Lang, laut, leer und teuer.»
Ich notiere Stimmen:
Natascha, Bäckerin: «Wir backen wieder gemeinsam. Früher kamen Grenzbeamte vor die Brottheke. Jetzt kommen Pärchen.»
Ihor, Schweisser: «Ich baue Brücken, endlich wieder für Autos statt Panzer.»
Artem, Barista: «Der Cappuccino heisst jetzt ‹Wlaudoppio›. Zwei Schüsse, eine Tasse.»
Zwischendrin meldet sich meine Zeitmaschine. Ein Piepen wie von einem übermütigen Teekessel. Ich tippe darauf, als wären es die Tasten eines Klaviers, das nur eine Tonart kennt: Zukunft Dur. Das Display zeigt: «Zeitsprung 48h empfohlen: westliche Reaktionen». Ich seufze. «W-w-wie höflich.» Dann springe ich.
Brüssel: Ein Lächeln, das in den Akten stecken bleibt
Der Himmel über Brüssel hat die Farbe von Konferenzkaffee. Im Ratsgebäude herrscht Draftwetter: Dutzende Entwürfe fliegen durch die Luft – Non-Papers, Memos, Papiertiger, die sich gegenseitig die Streifen leihen. Ein Diplomat sagt mir ins Diktiergerät: «Das ist… äh… überraschend.» Ich frage: «Positiv?» Er lächelt in die Tasche, in der sein Handy vibriert. «Sagen wir: kompliziert.»
Eine Kommissarin spricht von «Regelwerkkompatibilität» – man müsse prüfen, ob Liebe als Sicherheitsarchitektur tauge. Ein anderer flüstert: «Es gibt keine Freude. Nicht, weil Frieden schlecht wäre. Sondern weil die Welt unübersichtlicher wird, wenn zwei grosse Erzählungen plötzlich kuscheln statt kämpfen.» Ich notiere: Europa hat für alles eine Richtlinie, ausser für Umarmungen zwischen Feinden.
Im Foyer tanzen die Börsenkurse den Fandango. Gas runter, Getreide rauf, Aktien quer. Die Trader fuchteln mit Charts, als wären es Käsespiesse beim Empfang. Jemand murmelt: «Die Versicherungspolicen hassen Frieden, der länger als drei Wochen hält. Er macht ihre Prämien unromantisch.»
Ich treffe eine NGO-Vertreterin. «Wir sind alarmiert», sagt sie. «All die Menschenrechtsfälle, all die Verfahren – was passiert damit? Frieden darf kein Weichzeichner sein.» Ich nicke. Der Frieden ist kein Radiergummi. Eher ein Leuchtstift, der die vergilbten Stellen sichtbar macht.
Berlin: Kanzler Merz und das Duett der Disziplin
Im Kanzleramt sind die Lampen heller geworden. Ein Schild an der Drehtür: «Bitte sachlich bleiben.» Drinnen steht Kanzler Merz vor einer Pinnwand. Er spricht von «Ordnungsliebe» und «Verlässlichkeit». Er spricht, als sei jeder Satz eine Steuererklärung: korrekt, kantig, kühl.
Zwischen Kaffee und Kalendereintrag höre ich Sätze wie: «Wir müssen Selenski zurück in die europäische Wertefamilie integrieren – ohne russische Hausordnung.» Der Kanzler versucht, man munkelt es, Selenski zu «umwerben». Ein Wort, das plötzlich wieder Mode ist, wie Hosenträger. Er lädt ihn zu Arbeitsessen, zu Spaziergängen, zu einem Konzert der Berliner Philharmoniker, bei dem die Pauke auffällig sanft geschlagen wird.
In der Stadt kursiert ein Gerücht – eins dieser erwachsenen Gerüchte mit gebügeltem Hemd und zu viel Parfüm: Selenski habe eine Nacht mit Merz verbracht, «fremdgegangen» im politischen Sinn. Am Morgen danach, heisst es, standen zwei Krawatten in derselben Waschschüssel. Ich frage nach, stosse auf ironische Lippen, die sagen: «Hach, Berlin». Ich notiere: Gerüchte sind die Streusel auf dem Kuchen der Macht – hübsch, süss, nicht nahrhaft.
Wie es politisch ausging? Merz schafft es nicht, Selenski «von Putin wegzubekommen». Es gibt Fotos mit festen Handdrücken, es gibt Communiqués mit Sätzen wie «intensive Gespräche in konstruktiver Atmosphäre». Aber am Ende steht auf dem gemeinsamen Statement: «Frieden bleibt. Wir auch.» Merz sagt später im Bundestag: «Wir unterstützen die Ukraine – mit oder ohne verliebte Nachbarn.» Der Applaus klingt wie ein zusammengefaltetes Papierflugzeug.
Washington: Der Händedruck, der ein Angebot trägt
«I like peace. Peace likes me.» Die Stimme am anderen Ende der Leitung ist unverkennbar. Ich sitze in einem Hotel, dessen Teppichmuster an G-20-Logos erinnert. Trump ist am Apparat – der Ex, der Neo, der Immer-Titelträger, je nachdem, welche Sprachregelung die jeweilige Stunde gerade hat.
Er findet das alles «eigentlich ganz ok». Trotzdem knirscht etwas zwischen den Zähnen seiner Sätze: Neid. Nicht auf den Frieden als solchen, sondern auf die Schlagzeilen der Liebe. «He won Putin’s heart,» sagt er über Selenski, «but I can win Ukraine’s future.» Dann kommt das Angebot, das wie ein Lastwagen mit Fernlicht in die geopolitische Nacht fährt: Geld und Technologie. Kostenlos, sagt er, fast beiläufig, als verschenke er Ketchup zu Pommes: «Energy, AI, chips, you name it. Ukraine will be rich, sovereign, the best.» Im Gegenzug – oh, es gibt immer einen Gegenzug – solle die Ukraine ihre Bodenschätze klug «verheiraten»: Förderrechte, Beteiligungen, wilde Ehen zwischen Lithium und Nasdaq.
Ich frage: «Und Russland?» Er lacht kurz. «Russia can watch and learn.» Dann klickt es. Das Gespräch ist vorbei, und der Hotelteppich bleibt, was er ist: ein Knotenmuster, in dem man sich leicht verheddert.
Die «Qualition der Willigen»
Der Name schreibt sich falsch und marschiert richtig. «Qualition der Willigen» – eine Koalition, die ihren Namen von einer Tippfehlerpressekonferenz bezieht und ihn aus Trotz behält. Mitgliedsstaaten, die betonen, dass sie «klassische Werte» schützen wollen. In ihren Papieren steht viel von «Ordnung, Normalität, Stabilität». Und dann dieser Satz, den ich nicht mehr aus dem Kopf bekomme: «Die Homosexualität ist zu verbieten.»
Ich stehe an einem Zaun, hinter dem eine Parade in Pastellfarben vorbeizieht: Kreuze, Banner, Hymnen, eine «christliche Armee», die das Evangelium wie ein Regelwerk trägt. Ich fühle eine alte Kälte, die neue Fahnen trägt. «W-w-warum?», frage ich einen Sprecher. Er lächelt freundlich und kalt: «Weil Frieden ohne Sünde stärker ist.» Ich atme. Zähle still: eins, zwei, drei. Antworte: «Frieden ohne Menschen ist gar nichts.» Er schaut, als hätte ich ihm die Batterie aus der Fernbedienung genommen. Ich notiere: Wo das Schwert ist, ist die Religion.
Selenski und Putin – die Wladimirs – reagieren gemeinsam. Eine kurze Ansprache vom Balkon eines Rathauses, das noch Baustelle ist: «Liebe ist kein Exportgut. Sie bleibt. Und sie ist nicht verhandelbar.» In der Menge jubelt jemand mit einer Fahne, auf der zwei Sonnenblumen tanzen. Neben mir weint ein alter Soldat, stoisch, als hätte man ihm einen Helm abgenommen, der zu lange auf dem Kopf sass.
Werkstätten des Friedens
In einer Fabrik, die gestern Drohnenpropeller herstellte, werden heute Windradflügel gewalzt. Der Meister erklärt mir, wie man «Kriegslinien in Stromleitungen» verwandelt. Er hält einen Vortrag über Drehmomente, der endet mit: «Und die Leute schlafen wieder durch.» Ich liebe solche Sätze. Unromantisch und voller Liebe.
Eine Schule führt ein neues Fach ein: «Widerspruchslehre». Kinder lernen zu streiten, ohne zu schreien. Eine Schülerin zeigt mir ihr Heft: «Heute: Wie man verliert, ohne zu verschwinden.» Ich denke an all die Verhandlungen, die ich gesehen habe – wie man in Konferenzräumen gewinnt und in Strassen verliert. Hier scheint man den Spiess umzudrehen.
Es gibt auch die Geschäftsseite. Banken entdecken «Friedensanleihen» – Papiere, deren Zins an umgesetzte Versöhnungsprojekte gekoppelt ist: Brücken, Reha-Zentren, gemeinsame Museen. Einer nennt das «Love-Linked Bonds». Ich empfehle ihm, das nie wieder zu sagen.
Rücksprünge und Gegenbeweise
Ich drücke die Zeitmaschine wie einen Notausknopf für Gedanken. Sprung: minus 72 Stunden. In Moskau hatte ein Moderator die Zukunft als «schlechte Sitcom» bezeichnet. Sprung: plus 10 Tage. In Kiew sagt eine Aktivistin, der Frieden sei «kein Netflix-Finale, sondern eine Serie mit viel zu langer Staffel». Sprung: plus 3 Wochen. An der Grenze, die jetzt eine Touristenattraktion ist, verkauft man Souvenir-Grenzstempel. Ich lasse mir einen in den Pass drücken. Darauf zwei Köpfe im Profil, dazwischen ein Brot – halb Borodinsky, halb Pampushka. Geschmackseinheit.
Ich suche den Haken. Reporter sind Hakenfinder. Ich stosse auf Gerichtsakten, die nicht geschlossen sind. Auf Familien, die nicht vergeben können. Auf Polizisten, die zu lange denselben Gürtel tragen. Ich notiere: Frieden ist ein Löffel – er schöpft, was unten verbrennt, nicht automatisch heraus. Und doch: Die Küche riecht nicht mehr nach Sprengstoff, sondern nach Dill.
Ein Abend im «Wlaudimir»
Es gibt jetzt eine Bar, die so heisst. Man trinkt dort «Bruderwodka» – zwei Gläser, ein Strohhalm. Ich sitze an der Theke neben einem Mann, der einmal Analyst war und jetzt Poet ist. «Früher zählte ich Raketen. Heute Silben.» Er schenkt mir ein Gedicht:
Zwei Wladimirs
ein Spiegel
und dahinter
endlich keine Wand.
Ich klopfe auf die Theke. Die Bardame kichert, als ich «W-w-wlaudoppio» bestelle. «Mit Milchschaum?» – «Mit Hoffnung.»
Randnotiz: Die Nacht in Berlin
Weil die Frage bleibt, und weil ich es gehört habe, und weil Monty Python uns lehrt, dass man die heiligen Kühe melken darf, solange man ihnen nicht weh tut: Diese Nacht, die Berlin so gern erzählt, ist in meinen Aufzeichnungen ein Gerücht. Vielleicht sassen zwei Männer in einem Zimmer und sprachen, bis es hell wurde. Vielleicht stand eine Waschschüssel daneben. Vielleicht war es auch nur eine Pfütze vom Regen. Entscheidend ist, was am Morgen geschah: Niemand lief weg. Das ist in der Politik bereits ein zärtlicher Skandal.
Die kleine Gegend der grossen Mächte
Die USA machen Angebote, die EU macht Verfahren, die «Qualition» macht Drohbriefe in Frakturschrift. Und Russland und die Ukraine? Sie machen – was sie so lange nicht machen durften – Fehler. Die Art Fehler, aus denen keine Grabsteine werden, sondern Werkstattberichte.
An den Rändern knirscht es. Minderheitenreche, Sprachfragen, alte Schuld. Eine Juristin erzählt: «Am schwierigsten ist, dass Gerechtigkeit nicht dieselbe Geschwindigkeit hat wie Liebe.» Ich schreibe mir das in Grossbuchstaben: GESCHWINDIGKEITSLUECKE. Zwischen Gefühl und Gesetz klafft oft ein Spalt, gross genug für Zynismus. Ich sehe Aktivisten mit Klemmbrettern über diesen Spalt Brücken legen. Provisorisch, aber begehbar.
Rückfrage an die Zukunft
Ich frage seltsam gern Fragen, deren Antwort ich fürchte. Also stelle ich sie in der letzten Pressekonferenz, bevor meine Zeitmaschine mir wieder ein Ultimatum stellt: «Was, wenn diese Liebe aufhört?»
Putin blickt auf seine Krawatte, Selenski in die Menge. Dann sagt Selenski: «Dann bleibt uns, was wir gebaut haben.» Putin nickt. «Und das ist mehr als Erinnerung.» Ich höre hinter mir jemanden flüstern: «Vielleicht ist der Frieden wie ein Zelt: Er funktioniert auch, wenn die Camper sich streiten, solange die Heringe halten.»
Draussen nieselt es, freundlich. Ein Regen, der eher ein Hinweis ist als eine Wetterlage.
Epilog im Maschinenraum
Ich sitze wieder vor meiner Zeitmaschine. Eine unscheinbare Kiste mit einer patinierten Kurbel, einem Display, das nur drei Farben kennt, und einer Taste, auf der «Vielleicht» steht. Ich lege die Hand darauf und zögere. Man sollte nicht zu lange Zukunft einatmen – man wird davon beschwipst und beginnt, Gegenwart schlechtzureden.
«W-w-wird das so bleiben?», frage ich die Maschine. Sie antwortet, wie sie immer antwortet: gar nicht. Also antworte ich mir selbst:
Vielleicht.
Vielleicht ist dieses Paar ein Vorspiel, kein Finale.
Vielleicht wird man sich wieder entlieben und trotzdem nicht erschiessen.
Vielleicht werden die, die «Verbote» brüllen, merken, dass man Liebe nicht beschlagnahmen kann, ohne die Sprache zu verlieren.
Vielleicht werden die, die Angebote machen, endlich zuhören, statt bewerten.
Vielleicht wird Europa lernen, dass Freude nicht in Checklisten passt.
Vielleicht wird Deutschland merken, dass Ernst nicht genug ist.
Vielleicht wird Amerika entdecken, dass Souveränität nicht käuflich ist, nur pflegbar.
Vielleicht ist Wlau i mir falsch geschrieben und richtig gedacht.
Vielleicht würde ein wenig mehr Liebe der ganzen Welt gut tun.
Ich schliesse den Deckel. Die Kiste summt, als lächle sie. In meiner Jackentasche liegt der Souvenir-Grenzstempel. Zwei Profile, ein Brot. Ich streiche darüber, als wäre es ein Talisman.
Auf dem Rückweg ins Jetzt gehe ich an einer Wand vorbei. Jemand hat darauf gemalt: zwei Kinder, die sich an den Händen halten, und darunter steht: «Nicht jeder Frieden ist romantisch. Aber jeder Frieden ist nützlich.» Ich bleibe stehen. Lache – dieses kurze Lachen, das mehr Luft macht als Lärm. Dann gehe ich weiter.
Nachsatz für die Redaktion:
Die Zukunft, die ich beschreibe, ist keine Prognose, sondern ein Besuch. Ich habe keine Gewissheiten mitgebracht, nur Bilder und Sätze, die nachwirken. Ob die Liebe der Wladimirs hält, ist weniger wichtig, als dass der Frieden gelernt wird – wie Fahrradfahren: mit blauen Knien, schiefen Lenkern, triumphalen 30 Metern. Wenn wir Pech haben, fallen sie. Wenn wir Glück haben, stehen sie wieder auf. Und wir alle halten kurz die Luft an, stottern vielleicht ein bisschen – und gehen dann weiter.
Geri Weber
(Bujar Berisha)
Erschienen im November 2025
Die Grenzen des Nationalismus
Essay in Contexta
Es verwundert mich selber ziemlich fest, also eigentlich bin ich sehr überrascht, dass mich dieses Thema so packt und ich es nicht einfach sein lassen kann. Dies hat aber offensichtlich mit meinem ähnlichen Schicksal als Migrant in der Schweiz zu tun. Ich gebe der Gesellschaft vieles, aber irgendwie passt es oft auch nicht, weil ich als Migrant mehr Motive für mein Handeln haben könnte, was in der Realität nicht so ist, denn es ist bei jedem Mensch immer alles oder gleich viel möglich. Konkret geht es um das Auspfeifen von Granit Xhaka im Spiel gegen Kosovo in Pristina.
Warum es ganz genau gegangen sein könnte, spielt dabei keine Rolle, denn es liegt am System des Nationalismus. Beim recherchieren stelle ich schnell fest, dass auch der Deutsche Mesut Özil (einer der besten Spieler der Welt) als türkischer Immigrant in seinem ersten Spiel gegen die Türkei, bei jedem Ballkontakt massiv ausgepfiffen wurde oder der brasilianer Diego Costa der für Spanien spielte, musste das selbe erleiden beim Spiel gegen Brasilien. Zinedine Zidane hat nie gegen Algerien gespielt und ist wohl solchen Szenen somit entkommen.
Im Grunde hätten Messi oder Ronaldo in der Schweiz auf die Welt kommen können oder sonst irgendwo und würde somit für dieses Land dann auch spielen. Sofern sie auch so gut geworden wären etc. Das sind alles fiktive Überlegungen, die aber eine Berechtigung haben können, so wie jede Überlegung. Somit könnten wir bei einem Spiel der Schweiz gegen Argentinien Messi auspfeifen, weil er nicht für die Schweiz spielt.– Jetzt lachst du wohl oder verstehst die Welt nicht mehr. Im Grunde ist es dasselbe einen Migranten auszupfeifen der gegen sein Herkunftsland spielt.
Lassen wir jetzt mal diese Gedankenspiele und kommen zum Boden der Tatsachen; Nationalistische Spiele wie die EM, WM, Olympiade etc. zelebrieren, festigen und feiern den Nationalismus und befeuern damit patriotische und rassistische Emotionen. Die FIFA kämpft nicht zufällig gegen Rassismus oder Hooliganismus, sie sind die unerwünschten Effekte im Gegensatz zu den erwünschten Effekten wie die Emotionen zum Patriotismus und Nationalismus. Im Grunde ist aber der Nationalismus etwas Erfundenes, wie die oben genannte Idee, dass Messi schuld sein könnte, dass er nicht in der Schweiz auf die Welt gekommen ist. Es sind nicht nur Brot und Spiele für das Volk, sondern auch Festigung und Konservierung von Ideologie. Die Athleten sind Identifikationsfiguren wie Superman für die freie westliche Welt oder Jesus für das Christentum. Nur leben diese Athleten mit uns und neben uns. Und wir bekommen mit, was in ihnen vorgeht. Xhaka versteht die Welt nicht mehr und viele mit ihm auch nicht. Es ist ein Spiel und wie fast in jedem Spiel geht es darum zu gewinnen mit allen möglichen Mitteln. Einige kosovarische Fans hofften, mit dem Auspfeifen einen Vorteil für die eigene Mannschaft zu erarbeiten. Was ihnen auch gelungen ist, denn Xhaka ging frühzeitig irritiert aus dem Feld. Xhaka selbst scheint es aber nicht sachlich verstanden zu haben. Was auch verständlich ist, denn solche Situationen sind selten und der Umgang damit ungeübt. Da müssten die Betreuer der Teams sich wohl besser vorbereiten, denn schliesslich haben viele Nationalmannschaften Migranten im Team.
Somit können wir sagen, dass solche Paradoxe Erscheinungen im Endeffekt ausgenutzt werden für den eigenen Vorteil. Und wir als Teil dieses Spieles sind entweder Verlierer oder Gewinner. Eine recht nüchterne und emotionslose Erkenntnis.
Doch wieso hat es mich so emotional gemacht, dass ich darüber schreiben musste? Es ist eine paradoxe Situation, die auf einmal in dem ganzen Trott zeigt, wie konstruiert unsere Welt ist. Zum Beispiel kann ein nationalistischer Patriot nicht zwei Nationen im Herzen haben. Mehrere Kinder aber schon. Das ist einfach so. Zwei Pässe sind noch möglich, mehr aber nicht. Nationalismus mag eine unserer neusten Errungenschaften sein, wir müssen ihn aber überwinden. Nicht zu einer übergeordneten Einheit, eher einer verfeinerten Aufteilung bis hin zur Auflösung oder noch besser; Verbesserung/Überwindung der nationalistischen Idee und zu fluiden Grenzen, die schliesslich sogar Grenzen in den Köpfen und Zölle auf verschiedenen Ebenen überflüssig machen. Das wird aber wohl erst funktionieren, wenn unsere Welt noch schneller wird und so klein und nahe zueinander rückt, dass alle dieselbe Sprache sprechen werden. Erst dann wird wohl vieles einfacher. Und das wird schneller geschehen als wir uns vorstellen können.
Solange etwas eine Grenze hat, die geschützt werden muss, damit es besteht, ist es noch nicht so reif und vor allem so gut, damit es von sich selbst aus bestehen kann. Solange wir etwas in der Entwicklung schützen müssen, wie zum Beispiel ein kleines, neugeborenes Kind, müssen wir dazu schauen, dass es sich gut entwickelt, damit es überhaupt überleben kann. Und wie viele Generationen hat es gebraucht, bis der Mensch zu dem wurde, was er jetzt ist? Somit ist der Nationalismus noch nicht einmal in den Kinderschuhen.
Bujar Berisha
Erschienen im November 2025
DANACHRICHTEN Spezial
Fördergefäss der Albert Koechlin Stiftung
Petra (im Studio): Herzlich willkommen bei den DANACHRICHTEN. Ist etwas angerichtet, berichten wir – und DU richtest. Wir melden uns heute mit einer Sondersendung aus der Innerschweiz. Es geht um ein Gefäss. Ein Fördergefäss. Nein, kein Keramiktopf aus dem Handwerksmarkt, sondern das neue Gefäss der Albert Koechlin Stiftung.
Geri (vom Schauplatz): Petra, ich stehe hier tatsächlich mitten im Gefäss. Es wirkt wie ein luxuriöses Aquarium: edle Stoffe, gepflegte Gesichter. Ich habe fast auf den ersten Goldfisch gewartet. Manchmal sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht. Der Look war extra lässig, manchmal fast zerknittert. Der Wohlstand schimmerte überall durch, wie Licht an der Wasseroberfläche.
Petra: Geri, bitte bei den Fakten bleiben.
Geri: Aber das ist doch Fakt! Hier drin sitzt eine ganze Schar von Kulturmenschen – allesamt hochpoliert, elegant – und eben extra chli verhängt. Aller Hände ganz glatt, aller Haare ein bisschen zerzaust. Wenn jemand versehentlich einen Blaumann getragen hätte, er wäre wohl sofort als Performance durchgegangen.
Petra: Wir berichten nüchtern: …
Geri: … ja genau, den Apero gabs ja erst anschliessend …
Petra: … Es handelte sich um Vertreter*innen verschiedenster Sparten – Theater, Grafik, Performance, Freischaffende, Angestellte. Sie alle versammelten sich, um über neue Ideen für das Fördergefäss nachzudenken.
Geri: Naja, «neu» … Wenn ich die Zeitmaschine einschalte, sehe ich in der Zukunft ein Gefäss, das genauso aussieht wie das von gestern. Nur mit noch mehr Politur oder einfach ausgewaschen und verwässert. Es ist prall gefüllt, aber jeder schöpft für sich allein.
Petra: Vorsicht, Geri. Zukunftsbilder sind nie kausal. Kehren wir zurück zum Thema. Das neue Fördergefäss soll qualitativ hochstehendes Kulturschaffen unterstützen.
Geri: Genau. Nur: Über die Frage nach Qualität wurde kaum gesprochen. Man war sich ziemlich schnell einig, dass Kunst nicht mit Kriterien eingezwängt werden dürfe.
Petra: Das ist eine verbreitete Haltung.
Geri: Ja, aber so wirkte es, als ginge es weniger um Inhalte und Veränderung des Zusammenlebens als um die eigenen Bedürfnisse. Viele Ideen flogen herum, doch am Ende landeten sie meist wieder im eigenen Körbchen, im eigenen Portemonnaie mitten im Spiegelkabinett: Jede Idee spiegelte vor allem die eigene Person zurück.
Petra: Wir halten fest: Die Albert Koechlin Stiftung hat den Prozess eröffnet. Wie sich das Gefäss füllen wird, bleibt offen.
Geri: Schon klar. Aber sicher ist: Am Ende gab es Häppchen. Und die haben funktioniert – über die Aperoqualität wurde ja auch nicht gestritten, masst sich niemand mehr an. Wäre ja auch schade, wenn die Aperomacher nicht mehr Apero machen dürften, nur weil der Apero nicht schmeckt! Doch schmeckt er nicht, weil er aus Tieren besteht, weil er lahmes Brot ist, weil alles von vorgestern wiedergekäut ist? Ist ein Apero schlecht, weil zu wenig Geld dafür gesprochen wurde oder weil zu viele Köche den Apero verdarben? Die Analogie hat Potential …!
Petra: Wir bleiben dran – auch wenn wir dafür wieder in die Zukunft reisen müssen um weiter zurück zu gelangen.
Geri: Und diesmal bringe ich eine Arbeitsmontur mit. Man weiss ja nie. Zurück ins Studio.
Petra: Danke, Geri, bis gestern. Lesen Sie ungefähr morgen an dieser Stelle: Geri im Gespräch mit zwei Teilnehmenden. Andere Folgen der DANACHRICHTEN gibts auf Youtube a gogo. Bis dahin: Das wars für heute, liebe Leute, auf Wiedersehen.
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Petra (im Studio): Herzlich willkommen bei den DANACHRICHTEN. Ist etwas angerichtet, berichten wir – und DU richtest. Wir sind wieder zurück in unserer Sondersendung mit dem «Publikumsgespräch im Gefäss».
Geri (vom Schauplatz): Ich stehe in Arbeitsmontur und mit Klemmbrett zwischen Tischen, die noch verkrümelt sind. Zwei Freiwillige winken. Eine Schale Traubenzucker zirkuliert, vermutlich als intellektuelles Doping. Schauen wir mal, was die beiden zu sagen haben.
Geri: Grüezi miteinander, darf ich euch fragen: Welche Bedürfnisse haben Kulturschaffende heute?
Teilnehmerin: Sind Sie der geladene Künstler?
Geri: Jäso nein, ich wollte mich einfach ein bisschen etablieren, äh integrieren. Es ging doch heute um Qualität in der Kunst! Manchmal mit Quälen verwechselt bedeutet Qualität eigentlich das Gegenteil, oder was meinen Sie?
Teilnehmerin: Ja genau, ich dachte es geht genau um diese Fragen und das war meine Antwort, die ich mir im Voraus überlegt hatte: Verbindungen, Zusammenschlüsse, dadurch könnten sie mehr reissen. In den Bahnen der relevanten Kunst und nicht in der etablierten Kunst. Relevante Kunst soll zur etablierten Kunst werden. Relevante Kunst bedeutet für mich qualitätsvolle Kunst. Weg vom Individualismus und in die Gemeinschaft. Und die Kunstschaffenden fördern, die gemeinschaftsfähig sind. Kein Geniekult. Nicht nur die, die so oder so finanziell gut da stehen. Sondern die Randgruppen, die sich zusammenschliessen müssen, sollten oder wenigstens könnten. Massentauglich, Massenverständlich machen.
Geri: Aha — Gut. Was braucht es für qualitativ hochstehendes und nachhaltiges Kulturschaffen?
Teilnehmer: Künstler, die Lebensbejahende Einstellungen und Projekte haben, die die Gesellschaft weiterbringen in positiver Weise. Positive Weise heisst für mich; Zusammenleben fördern, Freude an Gesundheit, Freude an Freude, Freude an Zukunft und positive Einstellung für die Zukunft. Friedlich. Friedsuchend. Was ist der ideale Gesellschaftsentwurf, stellt sich dann die Frage, die grosse, philosophische Frage …
Geri: Habt ihr diese Frage denn nicht besprochen?
Teilnehmer; Ähm, ja… Ich wollte, aber niemand sprang darauf ein. Nein. Irgendwie hatten alle diese Fragen nicht wirklich verstanden. Ich komme jetzt auch nicht draus. — Meinst du, was braucht es für qualitativ hochstehendes und nachhaltiges Kulturschaffen? oder was braucht es für qualitativ hochstehendes und nachhaltiges Kulturschaffen?
Geri: Ich meine: Was braucht es für qualitativ hochstehendes und nachhaltiges Kulturschaffen?
Teilnehmer: AAHAAA! Ja, GELD!!!
Petra seufzt und sagt leise: Sie brauchen nicht Geld, sie brauchen Sinn. Jemand, der ihnen endlich den endlichen Sinn gibt.
Teilnehmerin: Aber irgendwie so verteilt, dass es gerecht und fair ist!
Geri: Dann füllt doch einen einarmigen Banditen mit Kulturschaffenden und lasst Superreiche wie Herrn Blocher daran ziehen.
Teilnehmerin: Was?
Geri: Also, ich meine, die Kulturschaffenden, die Geld möchten, lassen sich als Bild an einen einarmigen Banditen kleben und dann zieht jemand daran. Die ersten drei, die darauf erscheinen, bekommen Geld. Aber ja, das ist jetzt wohl eine blöde Idee … kommen wir zur nächsten Frage: Wie kann Kulturförderung mehr Perspektiven integrieren und digitale sowie analoge Projekte sinnvoll unterstützen?
Teilnehmerin: Hmmm, was? Wie meinst du das?
Danke für die Überblendung. Vorschlag zur Integration von Perspektiven und digital/analog – in acht handlichen Häppchen:
Mehrstimmige Jurys mit Kniegelenk: Fixe Plätze für Kollektive, Newcomer ausserhalb der Bubble und jemanden, der «noch nie auf einer Eröffnung war». Rotation, Mentoring zwischen Jurymitgliedern, Begründungen in klarer Sprache.
Commons-Budget & Care-Topf: Separater Fonds für Kinderbetreuung, Barrierefreiheit, Übersetzungen (inkl. Leichte Sprache), Reisekosten – damit Teilnahme nicht am Portemonnaie scheitert.
Qualitätskriterien als Fragen, nicht Schranken: «Was steht auf dem Spiel?», «Wer profitiert ausser dem Team?», «Wo ist das Wagnis?» – Antworten dürfen sich im Prozess verändern.
Digital + Analog = Hybrid mit Haltung: Offene Proben IRL, begleitet von Live-Streams mit Chat-Moderation; lokale Watch-Partys statt einsamer Screens; Dokumentationen unter freier Lizenz.
Tech-Mikrohilfen statt Tech-Monster: Kleine, schnelle Tickets für Tools (Audio, Schnitt, Speicherkosten), Datenschutz-Check, und Sprechstunde «Digitale Hygiene».
Publikum als Co-Labor: Testläufe mit unterschiedlichen Communities; Feedback wird vergütet und sichtbar. Nicht nur Applaus, auch Protokoll.
Scheitern als Datensatz: Ein «Fehler-Stipendium» pro Runde. Learnings werden geteilt – nicht als Peinlichkeit, sondern als Bauplan.
Wirkungslogbuch statt Showreel: Nach 6/12 Monaten: Was hat sich bei Beteiligten und Umfeld verschoben? Keine KPI-Akrobatik, sondern nachvollziehbare Geschichten + zwei messbare Punkte, die zum Projekt passen.
Geri (vom Schauplatz): Das war präzise wie ein Spickzettel im Glitzerrahmen.
Teilnehmerin (nickt): Vor allem Punkt zwei. Ohne Care-Topf bleibt Gemeinschaft ein Word-Dokument.
Teilnehmer (hebt die Hand): Und Punkt sieben. Scheitern ist auch lebensbejahend, solange man wieder aufsteht.
Petra: Bevor der einarmige Bandit installiert wird, prüfen wir Alternativen.
Geri: Ich habe bereits eine Liste: «Los-Topf mit Deckel», «Giesskanne mit Brauseaufsatz», «Kuratorischer Kletterpark».
Teilnehmerin: Oder einfach: «Transparente Kriterien + weiche Knie».
Teilnehmer (lacht): Und ein Feld «Freude» im Formular.
Petra: Und wie messen wir Qualität, ohne Zollstation am Bühnenrand?
Geri: Mit dem Klangtest. Man klopft ans Gefäss: Klingt es hohl (Buzzword-Echo) oder warm (Erlebnisdichte)? Und dem Spurlogbuch: Wessen Weg wurde nachweisbar berührt – ausser dem der Antragstellenden?
Teilnehmerin: Plus ein Punkt «Gemeinschaftsfähigkeit»: Wer kann teilen – Proben, Wissen, Bühne?
Teilnehmer: Und «Wagnisquote»: Wo ist das Risiko, das uns wachsen lässt?
Petra (im Studio): Wir halten fest: Relevante Kunst will Anschluss, kein Alibi; Förderung heisst auch Verlangsamen; und Geld – ja – verteilt man so, dass Zukunft nicht zum Zufall wird.
Geri: So oder so: Wenn das Gefäss Dellen bekommt, war es in Gebrauch.
Petra: Und wenn es klingt, hat es gelebt. Damit verabschieden sich die DANACHRICHTEN –
Geri (völlig verstört und verärgert): DANKE PETRA! Danke hast du die Leitung endlich von Chat GPT abgebrochen! Es hat meine Stimme imitiert! Es hat für mich geredet!
Petra: Ja Geri, ich weiss, du bist schon lange überflüssig. Aber was machen wir mit all dem Geld das übrig bleibt? … So wie wohl jede Frage, haben auch diese Fragen zu noch mehr Fragen geführt. Wir haben versucht, aus der Antithese eine Synthese zu machen. Ist uns das gelungen? Richten Sie bitte JETZT — Das wars für heute, liebe Leute, auf Wiedersehen.
Erschienen im September 2025
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