Diskurs
Hier erscheinen Texte aus unserem Newsletter – politische, gesellschaftliche und erkenntnistheoretische Notizen. Sie sind nicht primär an Aktualität gebunden, sie entsprechen einer Haltung.
Musik, Literatur und Diskurs – kuratiert.
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Kanton Kosovo und die Angst vor 10 Millionen
1. Ein Titel, ein Mittagessen und ein unbequemer Gedanke
Jeder bekommt 10 Millionen in der Schweiz? Oder 10 Millionen ist die Schweiz wert? «Irgendwas mit Geld» waren meine Gedankenblitze, als ich diesen Titel zum ersten Mal las. Schnell wurde mir aber klar, worum es geht. Es ist eine Reaktion auf mögliche zukünftige Szenarien. Es ist ein Versuch, ein zukünftiges Problem zu lösen. Ist der Versuch aber auch wirklich lösungsorientiert?
Vorletzten Sommer besuchte ich mit meiner Familie meine Cousine in Frankreich, weil wir dort Ferien machten und sie auf dem Weg von unserer Feriendestination lag. Ich hatte sie schon seit vielen Jahren nicht mehr gesehen. Als ich ein Kind war, hatten wir viel Kontakt. Wir lebten im gleichen Haushalt in Dobërdol, in einem Fünfzig-Seelen-Dorf in der Nähe von Klinë, inmitten von Kosova. Unsere Wege trennten sich aber, da sich die Welt ausserhalb der Schweiz oft in unterschiedliche Richtungen bewegt hat. Beim spontanen Besuch bei ihr bekamen wir ein feines Mittagessen und meine vier Kinder badeten in ihrem schönen und gepflegten Schwimmbad. Während oder nach dem Essen, auf jeden Fall dann, als wir gelassener und entspannter wurden, wurden auch die Diskussionen wilder, lustiger und tiefer. Schliesslich diskutierten wir darüber, wie es früher war, als wir noch Kinder waren, und wie sich die Welt seither verändert hat.
Ihr Mann ist Chauffeur und fährt seit Jahrzehnten Linienbusse, Postautos oder LKWs in und durch die Schweiz. Sie beide sind wie ich zwar in Kosova geboren, leben aber länger im Ausland als in Kosova. Seine Meinung war klar: Objektiv betrachtet habe sich die Situation in der Schweiz seit der Migrationswelle vom Balkan verschlechtert. Es sei weniger sauber als früher, ungenauer, und die Schweizer Präzision sei verloren gegangen.
Intuitiv dachte ich, dass dies doch nicht stimme. Ich gab seinen Gedanken aber für eine Weile in meinem Kopf eine Chance und musste feststellen, dass er etwas anspricht, das wohl oder übel stimmt.
2. Zwischen Brünig, Stadt und Kosova
Ich lebe seit fast einem Jahrzehnt auf dem Brünig, weit weg von den Städten. Die wenigen Leute, die um mich herum leben, inklusive ich selbst, sind froh, dass wir einander als Nachbarn haben. Denn wenn es darauf ankommt, sind wir froh umeinander. In der Stadt war das irgendwie umgekehrt. Jeder Mensch fühlt sich wie einer zu viel an und manche verhalten sich auch so. Und die Geschwindigkeit der Stadt ist für meine Verhältnisse zu schnell. Das schaffe ich nicht über Nacht zu verarbeiten. Darum brauche ich Berge und Wälder um mich herum. Nicht immer, aber regelmässig. So wie die Wälder und die Berge praktisch immer gleich bleiben, bleiben auch die Menschen und die Beziehungen zu ihnen praktisch gleich. Seit ich auf dem Brünig bin, hat sich keine Beziehung zu den Menschen, mit denen ich zusammenlebe, grundlegend verändert. Die Stadt wirkt wie das Gegenteil.
Die Eltern meiner Partnerin leben in einem Haus im Luzerner Hinterland und wir besuchen sie regelmässig. Als Scherz sage ich immer wieder: Ich muss gar nicht nach Kosova, hier höre ich überall Albanisch.
Aber warum ist das so?
Gerade schreibe ich an einem Buch, in dem ich unter anderem das Thema Abfall in Kosova bearbeite, und dort komme ich zum Schluss, dass es unterschiedliche Gründe gibt, warum es so viel Abfall in Kosova gibt. Dazu muss ich sagen, dass es sich in der Öffentlichkeit schon sehr verbessert hat. Es gibt aber zwei grundlegende Unterschiede zur Schweiz: die Infrastruktur und der mentale und kulturelle Umgang mit Abfall.
Kosova hat eine der schlechtesten Infrastrukturen im Abfallmanagement in Europa, und da das Land als unabhängiger Staat nicht einmal 20 Jahre existiert, konnte sich noch keine Staatsangehörigkeits-Mentalität wie in der Schweiz bilden. Natürlich sind die Kosovarinnen und Kosovaren stolz auf ihren Staat und geben ihr Bestes. Sie sind schon sehr weit und in vielen Dingen auch weiter als die Schweiz, wie ich auch in meinem nächsten Buch erwähne. Aber nicht in diesem Punkt.
Kosova war immer ein wichtiger Spielball in der Geopolitik der Grossmächte und umkämpft von den Osmanen, vom serbischen Reich, vom Kommunismus und immer noch von unterschiedlichen Religionen, da es an einer wichtigen Schwelle von Europa liegt. Die Schweiz war nie auf dieselbe Weise über Jahrhunderte umkämpft. Sie war in gewisser Weise das Gegenteil und gilt seit langem als ein wichtiger, ruhiger Hafen inmitten der blauen Banane und uneinnehmbar dank den Bergen. In Kosova konnte sich deswegen nie ein Nationalstolz wie in der Schweiz bilden, ein Stolz auf die Errungenschaften des Landes, der Industrie, der Infrastruktur. Das bauen die Kosovarinnen und Kosovaren erst seit ein paar Jahrzehnten auf.
Dafür gibt es andere Qualitäten. Zum Beispiel gibt es einen unglaublichen kulturellen Zusammenhalt, der vor allem auf die sprachliche Identität zurückzuführen ist. In Kosova gab es zum Beispiel eine der grössten Versöhnungsversammlungen (mit Anton Çetta) aller Zeiten auf diesem Planeten. Auch das gehört zu einem Land. Nicht nur Strassen, Abfallkübel und Verwaltung, sondern auch die Fähigkeit, nach einer langen und schweren Geschichte wieder miteinander zu sprechen und die Vergangenheit hinter sich zu lassen, um eine neue, bessere Zukunft zu bauen, ähnlich wie in Mitteleuropa nach den Weltkriegen.
3. Migration als Erfolg, Zumutung und notwendige Arbeit
An diesem Beispiel sehen wir sehr gut, wie sich unterschiedliche Entwicklungen auf eine Gesellschaft auswirken. Das hat Nachteile, aber auch Vorteile. Manche werden wohl denken, dass die Schweiz ohne Shaqiri, Xhaka oder Behrami es auch so weit geschafft hätte im internationalen Fussball. Wir werden nie wissen, wie es wäre, nur ungefähr wie es war und vor allem wie es ist.
Die spürbaren Nachteile der Migration werden zum Glück dank der guten Infrastruktur und Bildung wettgemacht und die Vorteile vergrössert, auch dank der guten Infrastruktur und Bildung. Somit können wir sagen, dass die bisherige Migrationspolitik der Schweiz unter dem Strich ein Erfolg ist. Und dass dieser Weg wohl der richtige ist. Denn ein Mensch, der weiss, dass er bald einmal so viel erben wird, dass er nie mehr arbeiten muss, wird sehr genau abwägen, ob sich ein Beruf wie Arzt oder Ärztin überhaupt lohnt. Nicht nur finanziell, sondern auch mit Blick auf die Energie, die Zeit, die Verantwortung, die Nächte, die Prüfungen, den Druck und die Jahre, die man in diesen Beruf hineingibt. Von schlechtbezahlten Jobs müssen wir gar nicht erst reden. Praktisch alle meine Cousinen und Cousins aus Kosova, die Medizin oder ähnliches studiert haben, arbeiten und leben jetzt in der Schweiz. Dass diese Fachkräfte anderswo fehlen, ist moralisch kein Thema.
4. Die Initiative, Demografie, das System dahinter und Lösungsvorschläge
Zurück zum Thema der Initiative: Der Schweizer Migrationsweg wird nur besser, wenn wir in allen Gesellschaftsschichten und Regionen darüber reden und ihn hinterfragen. Mit unseren Ressourcen, unserer Infrastruktur und unserer Bildung können wir uns vieles leisten. Ja, vielleicht kann sich auf dieser Erde kaum ein Land so viel leisten wie die Schweiz. Kritik, Verbesserungsideen und der dazugehörende Diskurs sind ein Treiber für eine zukünftige, bessere Schweiz. Und dafür braucht es alle, die vom Land und die von der Stadt. Die, die schon länger hier sind, und die, die dazugekommen sind und die, die kommen werden.
Klar vermisse ich die Schweiz, die ich aus der Primarschule kenne. Die Ruhe und die Ordnung, die damals in den 1990ern herrschten, aber ist es in der Retrospektive nicht immer besser? Seit damals hat sich die Welt enorm verändert und überall auf der Welt gab es Umbrüche, davor aber auch, vielleicht sogar noch mehr. Die Welt war und ist immer in Umbrüchen, auch ohne Menschen. Wir mussten uns diesen Veränderungen schon immer stellen und wir schlugen den Weg ein, den wir kennen und der ja kein schlechter gewesen zu sein scheint, sonst wären wir jetzt nicht in dieser guten Lage.
Diese Initiative will ein zukünftiges Problem lösen. Es ist ein Lösungsvorschlag, der ernst genommen werden muss, weil das Problem, das er zu lösen versucht, uns alle betrifft. Egal ob die Initiative angenommen wird oder nicht, es ist klar, dass sie so nicht einfach umgesetzt werden kann. Es ist aber eine sehr gute Gelegenheit, über dieses Thema gesamtgesellschaftlich zu diskutieren und zu sensibilisieren, damit vernünftige, menschenfreundliche Lösungen gewählt werden und dieser Diskurs sollte nach der Abstimmung konsequent weiter geführt werden, damit sich sowas nicht wiederholt.
Die Schweiz hat ein demografisches Problem. Das ist seit Jahrzehnten bekannt, es ist nichts Neues. Die Bevölkerung altert. Damit das System hier funktioniert, braucht es Nachwuchs, Migration oder Computer und Roboter, um Mehrwert zu generieren. Denn die Alten leben auf den Schultern der Jungen, und die Jungen dann auf den Schultern ihrer jüngeren Generation, und so weiter. Dieses System wird aktuell kaum grundsätzlich hinterfragt. Die Alten könnten auch länger arbeiten, das will aber fast niemand, und das würde das System auch nur kurzfristig entlasten.
Im öffentlichen Diskurs werden vor allem drei Möglichkeiten diskutiert, das System in Zukunft aufrechtzuerhalten: Nachwuchs / Robotik / Migration = Arbeitskraft, Wichtig zu wissen ist auch, dass diese Möglichkeiten in Beziehung zueinander stehen. Das heisst: Produzieren wir nicht genug Nachwuchs, muss die Migration steigen oder die Roboter übernehmen, denn irgendwer oder irgendetwas muss den Mehrwert erarbeiten.
Mir kommen spontan noch zwei Alternativen in den Sinn. Die eine Idee hat sich politisch bereits herumgesprochen, und die letzte ist gänzlich neu, wobei sie einer alten Schweizer Idee entspricht, und zwar dem Söldnertum. Das Erste ist das bedingungslose Grundeinkommen. Richtig eingesetzt könnte es unser zukünftiges demografisches Problem lösen oder zumindest entschärfen. Das Zweite wäre ein Ausbau des Bankenwesens, vor allem des Investmentsektors. Und zwar so, dass viel mehr Schweizerinnen und Schweizer diese Arbeit beherrschen und dadurch viel mehr Mehrwert schaffen. Eine Konsequenz wäre aber, dass dieser Sektor stärker besteuert werden müsste, damit der Mehrwert nicht einfach ins private Kapital fliesst. Denn nicht nur im Makrobereich wissen wir nicht, ob die Welt sich ausdehnt, sondern auch im Mikrobereich.
Wie wir sehen, gibt es verschiedene Möglichkeiten, wie wir dieses Problem lösen könnten. Und wir sind natürlich ständig daran, es zu lösen. Es ist nicht so, dass das Problem plötzlich explodiert. Max Frisch meinte ja schon, dass wir Arbeiter bestellten und Menschen kamen. Diesmal könnten wir tatsächlich Arbeiter bestellen und hoffentlich bleiben es nur Roboter.
Ob wir dieses Problem des fehlenden Nachwuches jemals lösen werden, ist eine andere Frage. Es scheint eher ein systemisches Problem zu sein, das sich über Generationen ausbreitet. Den Standard, den die Jungen haben, verdanken sie den Alten. Darum arbeiten sie weiter an diesem Standard und bezahlen das Leben der Alten, in der Hoffnung, dass ihr Nachwuchs es ihnen dann auch bezahlt. Aber die, die schon länger in der Schweiz sind, die jetzt arbeiten, erzeugen nicht genügend Nachwuchs. Genügend Nachwuchs erzeugen eher diejenigen, die hier arbeiten, aber kürzlich eingewandert sind. Das hat eben den Effekt, dass sich die Kultur in der Schweiz sich dadurch schnell verändert. Dasselbe würde aber auch mit Robotern geschehen, die Kultur würde sich dann auch verändern.
Ich sehe vor allem deswegen einen immer grösser werdenden Graben zwischen Land und Stadt. Die Städter sind schnelle Veränderungen gewohnt, respektive sie sehen sie gar nicht mehr, da sie so überflutet sind. Die Ländlichen sehen sie und haben Angst um ihre Existenz. So oder so wird die Zukunft anders als die Gegenwart. Und das hat mit dem übergeordneten System zu tun: dem Kapitalismus. Dem Glauben, immer mehr Kapital anhäufen zu können. Was im Grunde möglich sein könnte, denn wir wissen nicht, ob das Universum endet oder ob es sich ausdehnt. Wir wollen aber immer mehr Kapital anhäufen, um jemanden dazu zu bringen, für uns immer mehr Kapital anzuhäufen. Bis jetzt ging das sehr einfach. Sobald es aber schwerer wird, besteht die Gefahr, dass Massnahmen ergriffen werden, die wir eigentlich als menschenunwürdig betrachtet haben und sie darum verboten oder abgeschafft haben. Die Geschichte lehrt uns aber, dass solche Verbote und Regeln schnell abgeschafft werden und das aus einem einfachen Grund: weil wir es können.
Darum ist die Diskussion über 10 Millionen Menschen in der Schweiz nicht nur eine Diskussion über Zahlen. Es ist eine Diskussion über Arbeit, über Alter, über Kinder, über Migration, über Stadt und Land, über Kapital und über die Frage, was wir eigentlich erhalten wollen. Ich hoffe die Menschlichkeit. – Wollen wir eine Schweiz erhalten, die nie existiert hat, weil sie immer schon in Veränderung war? Oder wollen wir eine Schweiz erhalten, die ihre besten Eigenschaften nicht verliert: Genauigkeit, Verlässlichkeit, Solidarität, Bildung, Infrastruktur und die Fähigkeit, sehr unterschiedliche Menschen in ein funktionierendes Ganzes zu bringen?
5. Kosova als Kanton und die Schweiz als Gefäss
Es gibt noch einen letzten Vorschlag meinerseits, die demografischen Probleme zu lösen: Die Schweiz nimmt Kosova als neuen Kanton in die Schweizerische Eidgenossenschaft auf, und alle zukünftigen Probleme sind gelöst. Denn Kosova hat das jüngste Volk in Europa und ein Land, das auf Investitionen wartet. Kulturell haben sich die zwei Länder schon lange so weit angenähert, dass es für beide eine Bereicherung wäre. Mit diesen neuen Ressourcen könnte sich die Schweiz dann dem grössten Problem des Planeten widmen, und zwar der Sanierung des Kapitalismus.
Natürlich ist dieser letzte Vorschlag nicht ganz ernst gemeint. Oder vielleicht nur halb ernst. Oder doch ganz? Manchmal zeigt ein Witz genauer, worum es eigentlich geht. Die Schweiz und Kosova sind längst miteinander verbunden. In Familien, in Sprachen, in Fussballmannschaften, in Spitälern, in Baustellen, in Pflegeheimen, in Restaurants, in Musik, in Erinnerungen und in Kindern, die hier aufwachsen und beides in sich tragen. Und ständig eine neue Schweiz erschaffen mit allen anderen Schweizern und Menschen in der Schweiz.
Vielleicht sollten wir deshalb weniger fragen, wie viele Menschen die Schweiz erträgt. Vielleicht sollten wir eher fragen, wie viel Beziehung, Verantwortung und Zukunft wir miteinander aufbauen können.
Denn am Schluss ist die Schweiz nicht einfach eine Zahl. Sie ist ein Gefäss. Und die entscheidende Frage ist nicht nur, wie viel hineingeht. Sondern auch, was wir daraus machen.
Die fröhliche Ungewissheit
Über Bäume, Pässe und eine neue Weltordnung am Bürgenstock
Es ist gewiss, das Ei meiner Mutter wurde befruchtet und dann fing es an, sich in mich aufzuteilen, zuerst zwei, dann vier, acht und so weiter. Immer eine Verdoppelung. Danach musste ich atmen lernen, aber ich konnte es einfach, weil ich dafür gebaut wurde. Es hätte schief laufen können, aber meine Vorfahren haben dies schon so viele Male geübt, dass ich es auch gut konnte. Danach wurde ich immer mehr zu einem Menschen. Ich lernte die Sprache, dass es Dinge gibt, die so sind, dass meine Eltern immer da sind, dass mein Zuhause immer das gleiche ist. Mit den Nummern konnte ich rechnen und ganz genau berechnen. Vorausplanen und mich darauf freuen. Ich lernte und lernte. Die fröhliche Wissenschaft. Ich wurde älter, wie meine Zeitgenossen. Ich verstrickte mich immer mehr in soziale Flechten. Sie wurden undurchschaubar, wirr und nervtötend. Es wollte nicht aufhören, nie, keine Pause, kein Entkommen. So fühlte es sich an. Bis ich zufällig oder auch nicht, wieder erkannte, dass ich wieder ein Kind sein sollte.
Es gibt Sachen in unserer Welt, die seit Generationen gewiss sind. Das Wasser fliesst bergab. Die Sonne wärmt uns. Der Mond hat immer das gleiche Gesicht, im Gegensatz zu Menschen, die unberechenbar sein können. So stellte ich fest, dass ich die Zeit mit Menschen einschränken muss, um gesund zu bleiben. Dadurch erhielt ich eine gesunde Distanz, die mir ermöglichte, alles jederzeit hinterfragen zu können. Ich stellte fest: Die Beziehungen zu Menschen stahlen mir Zeit.
Die Philosophie wurde ein Genuss, Gedankengänge zu Musik, Musikstücke zu Geschichten. Die Natur ohne Menschen um mich herum zum treuesten Freund. Weil sie gewissenhaft ist. Der Baum steht neben mir, bis er fällt. Manchmal bewegt er sich vom Wind oder seine Äste werden vom Schnee heruntergedrückt. Der Baum ist aber immer da, immer freundlich. Nur freundlich! So wie die Steine oder der Fels, der Himmel und die Sterne, die darin in der Nacht funkeln. Ja, es soll ominöse schwarze Löcher geben, aber das ist keineswegs bewiesen, falls dies überhaupt bewiesen werden kann. Und wenn auch? Die sind so weit weg, das betrifft mein Leben einfach überhaupt nicht. Epikur meinte zu den Göttern, ihr Getue sei so weit entfernt von uns, dass wir sie unser Leben lang praktisch ignorieren können.
Nichts ist wahr und alles ist erlaubt. Das klingt zuerst wie eine zerstörerisch auflösende Devise. Darauf kann ich aber aufbauen, so wie die Bäume auf ihrem Bauplan oder das Baby das atmet, ohne jemals Luft geschnappt zu haben. Das sei die Devise der gefürchteten unbesiegbaren Assassinen, meinten Nietzsche und seine Zeitgenossen. Die Idee war: Erst durch diese Einstellung konnten diese Assassinen überhaupt so stark werden. Dieses Denken machte sie so stark. Und so stark können alle von uns sein, so stark wollen alle sein und alle versuchen es auf ihre Art und Weise. Wir haben nicht alle die gleichen Aufgaben und niemand ist in der gleichen Zeit und am gleichen Ort auf die Welt gekommen. Gewisse Aufgaben teilen wir aber alle. Wir atmen, wir brauchen Nahrung und soziale Kontakte. Wir haben unterschiedliche Umgangsformen an unterschiedlichen Orten entwickelt. Unsere Nahrung wächst am Boden, dort sind auch die Ressourcen, die unseren Glauben an den wirtschaftlichen Fortschritt aufrechterhalten. Es gibt viel mehr Ungewisses als Gewisses, darum halten wir uns wohl an das Gewisse(n). Macht ja auch Sinn, daraus können wir dann vieles leiten, auslegen und versuchen zu adaptieren. Das nennt sich auch Empirie oder Glauben – Lernen. Trauen wir uns nicht, zu lernen, selber zu denken, glauben wir an vorgedachtes. Ist wohl etwa so ungesund wie verarbeitete Nahrung zu essen im Gegensatz zu Rohkost. Das ist im Grunde ja nichts falsches, wir ernähren uns auch zuerst von der Muttermilch und bekommen dann vorsichtig die Realität zu spüren. Manche werden aber auch einfach ins kalte Wasser geworfen.
Ja, der Mensch, also ich meine, ja, die Menschen um mich herum. Einige liebe ich und die sind mir sehr wichtig. Mit der christlichen Moral im Rucksack versuche ich niemanden zu hassen. Schliesslich will doch niemand gehasst werden. Liebe deinen Nächsten, wie ich selber geliebt werden will. Der Sophist Thrasymachos aus den Geschichten von Platon würde mich abgrundtief auslachen und als blinden, naiven, kurzlebigen Menschen bemitleiden, nein! Nicht einmal bemitleiden; verachten und versklaven würde er mich!
Ja so ist es, Lebewesen bewegen sich und sie kommen schnell in Berührung mit anderen Lebewesen, dadurch müssen sie einen Umgang festlegen und dieser ist bei jedem Lebewesen unterschiedlich. So wie es unterschiedliche Bäume gibt, die sich für unterschiedliche Umgänge mit der Welt entschieden haben, haben auch Thrasymachos und ein Christ unterschiedliche Weltanschauungen und Umgänge. Die Fichten haben seit Jahrmillionen Nadeln, der Bambus wächst ganz schnell, Laubbäume verlieren im Winter ihre Blätter. Sie bewegen sich nicht gross im Raum, nur nach oben in einem ziemlich konstanten Wachstum. Wer meint, deswegen seien wir den Bäumen überlegen, oder Thrasymachos dem Christen, täuscht sich. Ja, wir könnten alle Bäume ausrotten, aber gleichzeitig wissen wir auch, dass wir damit uns auch selbst ausrotten würden. Wir sind in einer Abhängigkeit miteinander.
Nichts ist wahr, alles ist erlaubt und somit möglich. Und weil alles möglich ist, haben wir eine schier unendliche Vielfalt auf dieser Welt. Es hängt so ziemlich alles miteinander zusammen, drehen wir da, passiert dort das, aber auch dieses, schauen wir dort, sehen wir etwas und übersehen das andere, helfen wir da, überfordern wir dort, und so weiter und so fort. Eine rote Fläche absorbiert den restlichen blauen Teil des Sonnenlichtes, den wir nicht sehen und nur durch genaue Beobachtungen und Experimente feststellen können. Ein Klang kann wegen dem Gesetz der Oktaven andere Materialien zum Schwingen bringen, bis sie kaputt gehen. Das ist dann die sogenannte positive Rückkopplung. Das nennt sich auch Schneeballeffekt, Musiker kennen es als Rückkopplung mit Mikrofon und Verstärker. Oder, wie am Anfang, die Zellteilung. Das sind im Grunde regulierende Prozesse. Denn wenn es zu viel wird, explodiert der Verstärker oder das Weinglas, die Lawine löst sich, das Lebewesen hat seine vorgesehene Grösse erreicht. Darum sagt Epikur, dass das Böse oder Schmerzen nie lange andauern. Das Leben heilt ständig. Es baut immer auf das Bewährte, so wie die Jahrmillionen alten Fichten, die nicht so wachsen wie der Bambus.
Wir stehen ständig in Kontakt mit den Veränderungen der Umwelt, wie unser Immunsystem, das sich ständig austauscht, verhandelt und so wenig Energie wie nur möglich vergeudet, für das Leben. Die Veränderungen, die nicht verändert werden können, müssen adaptiert werden. Ein Konsens muss gefunden werden, um weiter zu leben. Das ist auch ein natürlicher, friedlicher Prozess. Ein Baum wächst um den Stein herum. Kein Virus will den Wirt töten.
Wir werden immer älter, wir lernen immer mehr dazu. Nicht alle dasselbe, aber wir werden älter, sofern wir noch wollen. Feststellen tun aber alle, dass die Welt nicht so ist, wie sie zuerst zu sein scheint. Das hat verschiedene Gründe: Sie ändert sich tatsächlich immer wieder. Das Magnetfeld ist immer wieder anders, schon nur dadurch ändert sich das Wachstum und der Wuchs überhaupt. Die Nadelbäume sahen vor Jahrmillionen einiges anders aus, denn die Umwelt war eine andere. Der Mensch kann meistens im Alter skeptischer werden und dadurch Aberglauben und Lügen feststellen. Diese können wiederum frustrieren, so wie das Altern überhaupt.
Lebewesen sind im Gegensatz zu den Pflanzen viel nervöser und rumpelsurrig, sie können gar nicht stillsitzen wie ein Baum, sie haben einen anderen Bauplan und somit andere Möglichkeiten. Entstehen viele davon, ergeben sich praktische Prozesse und Systeme, wie die natürliche Selektion im Wald oder Kooperationen von Fischen im Meer, Rudelbildungen von Wölfen, menschliche Sippen und Dörfer oder Staaten. Die letzteren sind etwas ganz Neues, kaum Erprobtes und existieren nur als Gedankenkonstrukt, die aber einen real existierenden Effekt auf das Leben haben. Da nichts wahr und alles erlaubt ist, entstehen solche Prozesse oder Systeme, die eine Weile oder vielleicht auch für immer bleiben, weil sie sich als praktikabel und bewährt erweisen. So wie zum Beispiel der Bauplan einer Fichte. Natürlich könnte theoretisch auch der Fall eintreffen, der wahrscheinlich nie eintrifft. Aber der trifft nie ein, da er sehr unwahrscheinlich ist. Das verhält sich gleich wie mit den Schwarzen Löchern. Das ist so unwahrscheinlich, dass wir es ausblenden müssen, da es sonst nur hinderlich ist.
In meinem Leben habe ich viele verschiedene Staatenbildungen erlebt. Mein erster Pass war ein Jugoslawischer, dann ein Serbien-Montenegrinischer, danach ein Serbischer, dann ein Schweizer Pass und der Neueste ist ein Kosovarischer. Die habe ich alle schön auf der Seite, das ist eine schöne Sammlung. Wer weiss, wie es weitergeht. Denn, was ist schon wahr? Was kommt wohl als nächstes? Aus der Sicht eines Baumes sind Staatenbildungen wohl so rumpelsurrig wie für uns ein Ameisenhaufen. Physiker und Astronomen nehmen Teilchen wahr, die ständig und in einer kaum vorstellbaren Geschwindigkeit durch uns und so ziemlich durch alles durchdringen ausser vielleicht Blei. Neutrinos werden sie genannt. So verhält sich wohl unsere Politik und ihre Kommunikation zu den Bäumen. Was machen uns diese Neutrinos? Nichts. Garnichts. Naja, nichts ist wahr, alles ist erlaubt. Also, wir wissen nicht, was sie in uns bewirken. Wir stellen aber keine Wirkung fest, es betrifft unser Leben kaum, würde Epikur sagen, so wie das Getue von den Göttern. Die Welt ist so fest miteinander verwoben, dass es kein Gift ohne Gegengift gibt, keine Möglichkeit, die nicht eintreffen könnte. Gibt es etwas BEFREIENDERES?
Das Ende der Gewissheit – wo, bitte, gibt es Sicherheit? Darum lautet meine Antwort zu der Frage: Sehr wohl gibt es Gewissheit! Und zwar ganz viel. Lernen wir die Ungewissheit, als etwas Gutes wahrzunehmen, entdecken wir unendliche Möglichkeiten, die wirklich real existieren können. Dadurch können wir uns die beste Welt vorstellen und machen. Sicherheit wird erst zu einem Ort, wenn wir einen wachen Zustand erreichen, in dem wir alles für möglich halten, uns jeglichen Gedanken erlauben und nichts als wahr definieren, ausser, was wir wollen, damit wir das Beste für unsere Zukunft schaffen.
Was heisst das für uns?
Alles Bedenken!
Nichts ist absolut gesetzt, darum müssen wir verantwortlich denken.
Zum Beispiel: Alle Staatsoberhäupter sollen sich auf dem Bürgenstock versammeln und eine neue Weltordnung aushandeln, die Schweiz organisiert es. Wieso nicht? Es kann ja nur besser werden! Alle legen auf den Tisch, was sie wirklich wollen, und dann versucht man sich zu einigen und sie schliessen neue Verträge, da die alten offensichtlich verjährt sind.
Nichts ist absolut wahr.
Nicht alles ist gut.
Darum ist alles möglich.
Was können wir noch gewagtes denken?
Halbierungsinitiative
Kritik an Kunstschaffende
Übersicht: Der Text versteht die Initiative als Symptom eines wahrgenommenen Verlusts an medialer Vielfalt und verbindet diese Diagnose mit einer selbstkritischen Betrachtung der Rolle der Kulturszene in einem subventionierten System.
Direkt oder indirekt wird heute nahezu alles subventioniert – vor allem dann, wenn wir den Begriff «Subvention» wörtlich ins Deutsche übersetzen: Unterstützung. Infrastruktur, Landwirtschaft, Banken, Kultur, Forschung, Verkehr, Energie – überall greifen kollektive Finanzierungsformen. In diesem Licht stellt sich weniger die Frage, ob die SRG unterstützt werden soll, sondern warum ausgerechnet hier gekürzt werden soll.
Offenbar sind viele mit der Berichterstattung unzufrieden. Dieses Unbehagen ist real und sollte ernst genommen werden. Doch es richtet sich weniger gegen ein einzelnes Medienhaus als gegen eine Entwicklung, die sich durch die gesamte westliche Medienlandschaft zieht: die zunehmende Verengung des Diskurses auf zwei Lager. Dafür oder dagegen. Richtig oder falsch. Gut oder böse. Der Bär ist schuld. Der Westen oder Osten sind schuld. Die Globalisten. Die Nationalisten. Impfen oder nicht impfen. Patriarchat oder Matriarchat. Ost oder West. Reich oder Arm.
Wo nur noch zwei Positionen sichtbar sind, entsteht zwangsläufig das Gefühl, dass etwas fehlt. Eine Demokratie braucht Medien – das ist unbestritten und dazu müssen wir Sorge tragen. Aber sie braucht Medien, die die Komplexität der Welt abbilden und nicht nur zwei sich gegenüberstehende Erzählungen. Denn die Wirklichkeit besteht nicht aus binären Codes. Sie besteht aus Perspektiven, Interessen, historischen Erfahrungen, kulturellen Prägungen.
Im Nationalrat sitzen viele Parteien mit unterschiedlichen Haltungen. Als Bürgerin oder Bürger können wir uns orientieren, vergleichen, gewichten, wählen. Auf internationaler Ebene hingegen erscheint die Welt in den Medien oft wie ein Spielfeld mit zwei Mannschaften. Die Sichtweisen von China, Russland, den USA, Argentinien, Frankreich oder afrikanischen Staaten werden nicht als gleichwertige Perspektiven nebeneinander gestellt, sondern in ein vorgefertigtes Deutungsschema eingeordnet.
Früher – zumindest gefühlt – war der Raum zwischen diesen Polen grösser. Formate wie «Mit offenen Karten» auf ARTE lebten davon, geopolitische Interessen sichtbar zu machen, ohne sie sofort moralisch zu sortieren. Heute scheint der moralische Reflex schneller zu sein als die Analyse.
Das erzeugt Unmut. Und dieser Unmut ist ein natürlicher, im Grunde regulatorischer Effekt. Es ist keine intellektuelle Art und Weise, aber eine, die zu solchen Massnahmen führt. Die Bevölkerung spürt, wenn Vielfalt verschwindet.
Denn im Grunde geht es nicht um für SRG oder gegen SRG. Es geht um die Frage: Wie erhalten wir die Vielfalt der Perspektiven?
Ein Medienhaus mit nur einer grossen Deutungsrichtung gleicht einer Monokultur. Sie ist effizient, übersichtlich – und anfällig. So wie in der Landwirtschaft die Monokultur die Bienen und die Biodiversität gefährdet, gefährdet die Entweder-Oder-Logik die Meinungsvielfalt. Ohne Vielfalt gibt es keine Resilienz, weder in der Natur noch in der Demokratie. Bei der Entweder-Oder-Mentalität ist wie bei der Monokultur das Aussterben vorprogrammiert.
Die Halbierungsinitiative kann man deshalb auch als Symptom lesen: als Versuch, auf struktureller Ebene etwas zu regulieren, was viele als inhaltliche Verengung wahrnehmen.
Ob der Geldhahn zuzudrehen der richtige Weg ist, bleibt offen.
Vielleicht wäre es produktiver, den Leistungsauftrag der SRG neu und demokratisch zu definieren: gewichtiger, pluraler, international perspektivenreicher, mit dem expliziten Ziel, die Vielstimmigkeit abzubilden, die der Schweiz entspricht.
Wie wir wissen ist die Schweiz selbst kein Zwei-Lager-System, sie ist ein permanenter Aushandlungsraum. Mit einer binären Mentalität würde dieses Land nicht lange existieren. Vielleicht ist die Initiative trotzdem der richtige Weg. Vielleicht auch nicht. Aber entscheidend ist etwas anderes:
Wir können darüber abstimmen.
Welches andere Land kann per Volksentscheid darüber befinden, ob seine Medienlandschaft vielfältiger werden soll? Kann das Volk in den USA über die Ausrichtung seiner grossen Medienhäuser abstimmen? Kann es irgendein anderes, sich demokratisch nennendes Volk auf dieser Erde?
Allein diese Möglichkeit ist bereits Ausdruck einer Medien- und Demokratiekultur, um die uns viele beneiden. Vielleicht sollten wir den Beitrag sogar verdoppeln?
Und jetzt – von Künstler zu Künstler:
Es ist ehrlich gesagt schwer mitanzusehen, wie schnell Teile der Kulturszene reflexartig in ein Lager springen, vielleicht aus Angst um die eigene Förderung.
Seit wann ist Kunst eine Interessenvertretung für den eigenen Subventionstopf? Wer nur dann laut wird, wenn die eigene Finanzierung wackelt, argumentiert nicht als Künstler, sondern als Kulturunternehmer im Selbsterhaltungsmodus.
Das Problem ist nicht, dass Künstler Fördergelder bekommen. Das Problem ist, wenn die Förderung beginnt, das Denken zu bestimmen.
Kunst war nie dafür da, sich mit der Hand zu füttern, die einen bezahlt. Das macht das Handwerk. Kunst war immer dafür da, genau diese Hand zu befragen. Natürlich können wir uns über diese Aussage streiten und genau darum geht es.
Ist die Aufgabe eines Künstlers nicht dieselbe wie die eines Wissenschaftlers? Die Welt zu hinterfragen, Komplexität auszuhalten und Widersprüche sichtbar zu machen. Dort hinzuschauen, wo es unbequem wird, auch für die eigene Position.
Wer nur noch die Argumente des eigenen Förderökosystems reproduziert, liefert keine Kritik mehr, sondern Content. Dann wird aus Kunst Dekoration. Aus Haltung wird PR. Aus Freiheit wird Abhängigkeit mit Atelier.
Gerade in der Schweiz, wo Kulturförderung ein öffentliches Gut ist, müsste die Kulturszene die erste sein, die diese Strukturen kritisch reflektiert. Nicht die letzte, die sie verteidigt.
statt blind dafür
und blind dagegen
– denkend.
Subvention darf kein Schweigegeld sein, idealerweise ist sie ein Vertrauensvorschuss der Gesellschaft. Dieser Vertrauensvorschuss verpflichtet zur geistigen Unabhängigkeit und gerade eben nicht zur Loyalität. Wenn Kunst nur noch dort kritisch ist, wo es nichts kostet, hat sie ihre gesellschaftliche Funktion bereits verloren.
Die eigentliche Frage lautet also nicht: Werden die Gelder gekürzt?
Die eigentliche Frage lautet: Trauen wir uns, auch die Strukturen zu hinterfragen, von denen wir selbst profitieren?
Und genau hier schliesst sich der Kreis: Wir können darüber abstimmen. Allein diese Möglichkeit ist ein Kunstwerk der politischen Kultur. Die Frage ist also nicht: SRG halbieren, ja oder nein?
Die Frage ist: Wie viel Vielfalt halten wir aus, auch im eigenen Denken?
Ewiges Leben
in einer endlos scheinenden Welt
Das Jahr ist vorbei, denken wohl einige, vielleicht nur weil es für diejenigen hinüber ist. Schauen wir auf die Ereignisse genauer hin, stellen wir schnell fest, dass nichts wirklich vorbei ist. Die Sonne ist nur am genau gleichen Ort wie letztes Jahr. So genau, dass ein Wissenschaftlicher Geist schnell zu Zweifeln beginnt und ein mulmiges Gefühl von der ewigen Spiegelung bekommt. Darum macht er sich schnell auf die Suche nach Beweisen einer Veränderung. Die Ewigkeit ist im Grunde konstanter als Endlichkeit. Auf jeden Fall ist die Endlichkeit konstruierter als die Ewigkeit.
Die Ewigkeit oder Unendlichkeit ermöglicht all diese Möglichkeiten. Die Endlichkeit ist ein Versuch, uns zu befreien. Nach dem Tod dies und das. Dabei gibt es keinen Beweis für den Tod. Es gibt keine Abwesenheit vom Leben.
Nichts gibt es nicht. Nur als Konstrukt, das viele bühnentaugliche Vorzüge hat. Menschen sterben und sind nicht mehr da in dieser Form wie sie da waren. Haben sie Kinder gezeugt, dann leben sie in diesen noch weiter. Und dies gilt bei jeglicher Form ihrer Kreativität. Der tote Körper zersetzt sich durch Bakterien, seine Atome nehmen andere Verbindungen an. Es ist nicht sehr unwahrscheinlich, dass du ein Atom von Napoleon in dir hast, von einer Supernova, wohl sowieso, eines Triceratops oder von Hippokrates auch. Das Bewusstsein soll im Kopf sein.
Der letzte Satz ist auch so ein Versuch, die Endlichkeit zu preisen, damit wir endlich Ruhe von der Ewigkeit haben. Was ist Bewusstsein? Und was ist der Kopf? Ohne Raum keine Erinnerung. Wo ist diese Erinnerung gespeichert? Im Raum oder im Kopf? Oder ist da wieder die ewige Spiegelung im Spiel? Jedes Jahr genau gleich, als ginge es immer aufwärts mit der Sonne und dann wieder abwärts, dazwischen eine grosse Bühne der Ablenkung und wieder Aufwärts und wieder Abwärts. Ja, das wäre eine sehr lange Zeit, um uns mit den Dingen zu beschäftigen, die wirklich relevant sind. Etwa 80 Mal können wir dies versuchen. Bei so vielen Versuchen käme sicherlich etwas brauchbares heraus.
Wieso stellen wir uns einen Tod vor? Wie soll das Bewusstsein im Kopf sein, falls es überhaupt existiert? Bin ich der Herr meines Selbst? Gewiss nicht, wenn ich mich von der grossen Bühne ablenken lasse. Ist dieser letzte Versuch aber nicht auch dasselbe wie alles andere? Ein Versuch, die ewige Spiegelung als solches zu brechen? Wie wir als Kinder schon gelernt haben, ist eine Spiegelung sehr schwer zu besiegen. Meistens nur durch Ablenkung und vergessen. Ich glaube aber, dass wir gar nicht kämpfen müssen gegen die erschreckende Ewigkeit. Diese gibt mir das Gefühl einer möglichen Freiheit. Es birgt auch die Sorge vor dem Wahnsinn und genau darum bleiben so ziemlich alle auf der grossen Bühne der Ablenkung und nur ein paar wenige trauen sich darüber hinaus. Dafür kommen sie dem Ideal des ewigen Lebens, also einem bewussten körperlichen Leben am nächsten. Die Möglichkeit, alles in Betracht zu ziehen, wie im Sinne der Idee von Assassinen; «Nichts ist wahr, alles ist Möglich», gibt einem eine unglaubliche Freiheit. Und vergiss die ins Unendliche Dehnbarkeit der Zeit nicht!
«Zieh es in Betracht!»
«Was? Sowas ist unmöglich?»
«Wieso? Nur weil es noch niemand durfte?»
«Weil es sich niemand getraute?»
«Glaub mir, nichts ist wahr, alles ist möglich!»
«Aber das ist doch Wahnsinnig!»
«Ja! Es ist wahnnsinnig befreiend!»
In der Quantenphysik gibt es folgendes bewiesenes Phänomen: Ein Teilchen auf der Erde kann sich in bestimmten überprüfbaren und rekonstruierbaren Fällen ganz genau verhalten wie ein anderes Teil irgendwo im Weltraum und somit auch auf der Erde. Da fangen die Physiker aus Angst vor der ewigen Spiegelung der Ewigkeit an, an Gott zu glauben. Denn mit der Gottesvorstellung scheint die Welt fassbarer, linearer, berechenbarer, klarer. – Haben wir dies verstanden, sind wir ein wenig leichter. Klarer.
Vielleicht ist das der Weg?
Welcher Weg?
Der Weg in die Unendlichkeit, in das ewige Leben, leichter und leichter zu werden.
Ist es nicht einfach die Angst vor dem Tod, die uns am Leben erhält?
Eben, erhält! Heller und heller! Ein heller Kopf nahe am hohlen Kopf.
Jetzt rutsche ich auch auf die Bühne der ewigen Ablenkung, um mich von der ewigen Spiegelung der Ewigkeit abzulenken. Die Bühne der Ewigen Ablenkung ist quasi ein Reset-Knopf am Computer, der ihn wieder normal zum Laufen bringt, so wie er sollte. Obwohl es unendliche Möglichkeiten gibt, anders zu laufen. Der Beweis dafür ist der Reset-Knopf am Computer und die ständig neuen Computer mit ständig neuen, noch nie dagewesenen Möglichkeiten oder mit den schon immer dagewesenen Möglichkeiten, die wir nicht sehen, weil wir uns gerne von der Bühne der ewigen Ablenkung blenden lassen.
Sobald wir etwas ausserhalb des Tellerrandes sehen, drücken wir den Reset-Knopf um wieder in der Mitte des Tellers zu sein, wo der Rand gar nicht ersichtlich ist, geschweige was ausserhalb dessen ist. Ja, aus Angst, purer Angst, alles zu verlieren. Wir sind so tief in dieser Angst, dass wir die einfache Umkehrung des letzten Satzes als unglaublich betrachten. Dabei liegt es in der Hand: Wenn wir alles verlieren können, können wir auch alles gewinnen. – Ein bisschen länger gedacht: Können wir denn überhaupt etwas verlieren? Ist nicht alles da und es liegt einzig an uns, wie wir es sehen? Was wir damit machen? Frieden in der Ukraine? Ja klar! Um welchen Preis? Na, um jeden Preis, Menschenleben so schnell wie möglich retten! Darum geht es doch! Nicht? Um was sonst? Geopolitik? Ja, aber das kann auch ohne sterben geschehen! Wie? Stell dir vor, es ist Krieg und niemand geht hin! Ach, das ist doch Schwachsinn. Ja, da hast du wohl recht. Das kann sich kaum jemand vorstellen. Es ist jenseits von Gut und Böse, das versteht heute kaum ein Mensch. Obwohl es heute einfacher verständlich sein sollte. Ist es aber nicht.
Es gibt keine Linearität oder Kontinuität. Leben, Tod, Sterben, Sein, Nicht sein. – Ach, im Grunde ist es doch egal. – Keineswegs! Das wäre faul, was geschieht mit einer faulen Frucht? Das Ansteckende daran finde ich besorgniserregender. Die sterben aus. Wenn sie meine Warnung nicht hören, muss ich sie gehen lassen, denn ich will nicht angesteckt werden. Wach will ich sein, Hell! Leicht! Gibt es etwas leichteres als Gedanken? Wohl das Licht! Gibt es was schnelleres als Licht? Die Gedanken sind wohl irgendwo zwischen dem Schall und der Lichtgeschwindigkeit. Obwohl! Mein Grossvater würde mir da widersprechen. Als ich ein kleiner Junge war, fragte er mich, was das schnellste auf der Welt sei. Das Licht wohl! War meine klare Antwort. Nein, das sei es nicht. Die Gedanken meinte er! Jetzt in dieser Vorstellung kann ich auf dem Mond sein, während das Licht unterwegs ist. Er wäre wohl ein guter Quantenphysiker geworden. Auf jeden Fall verstand er die Metaphysik besser als seine befreundeten Pfarrer, die kaum jenseits von Gut und Böse denken konnten.
In diesem Sinne will ich dir etwas ganz Kleines für die ewige Spiegelung der Ewigkeit mitgeben. Nur logische mathematische Konstruktionen und Konzepte können richtig oder falsch sein und dies auch nur innerhalb dieser konstruierten Gesetzte und Räume. Die können zwar dienlich sein für weitere materielle Konstruktionen, aber auch diese haben Grenzen, so wie scheinbar unser Leben. Sind es schliesslich, so wie alle diese Buchstaben, nicht alles Versuche, dir und mir die Angst zu nehmen? Die Angst vor den unendlichen Möglichkeiten?
Ich glaube eben, dass wir keine Angst davor haben sollten. Denn alles endliche ist im Grunde ein Versuch, die Welt zu verstehen.
Durch Metaphern, Formeln und ähnlich komprimierende Konstrukte, wie auch die Logik, können wir vieles fassen. Das Fass ist aber endlos und vielleicht ein anderes. Haben wir keinen Gegenbeweis, müssen wir von der Unendlichkeit ausgehen und zwar überall! Und diese Unendlichkeit eröffnet uns unendliche Möglichkeiten! Ja, jetzt wiederhole ich mich. Ein Zeichen einer temporären Erschöpfung. Reset-Knopf? Nein! Keineswegs!
Weiter und zwar immer für das Leben! Wieso? Weil wir’s können!
Bujar Berisha
Erschienen im Dezember 2025
WLAU I MIR
Ein Bühnenwerk
Reportage aus der Zukunft von Geri Weber, Sonderkorrespondent der DANACHRICHTEN mit Zeitmaschine in der zukünftigen Ukraine.
Ich stehe im Windschatten eines frisch polierten Reiterdenkmals, das gestern noch Lenin war, heute zwei Reiter zeigt und morgen vermutlich eine Parkbank sein wird. Auf dem Sockel prangt in goldenen Lettern: «WLAU I MIR». Daneben in kleineren Lettern: «Lieber Bruder». Ich bin gelandet – nicht nur in Kiew, nicht nur in Moskau, sondern in einer merkwürdig zusammengefalteten Hauptstadt, die gleichzeitig beide ist.
«W-w-w…as für ein Schild», bringe ich heraus. Ich stottere nur, wenn ich nervös bin. Heute bin ich sehr nervös. Denn das Schild erzählt die Zukunft, die ich überprüfen soll: Die beiden Wladimirs – Putin und Selenski – sind ein Paar geworden. Es steht auf Postkarten, auf T-Shirts, auf Kantinenservietten. Es steht in Blicken, die ich einfange, wenn ich nachfrage. Es steht in der Luft wie frisch gestrichene Farbe.
Begegnung im Wintergarten
Das offizielle Statement – ich bekomme es, weil ich einen Reporter-Ausweis trage, auf dem «Gestern, Heute, Morgen» steht – wird in einem gläsernen Wintergarten verlesen. Ein Raum zwischen Zarenpalast und Start-up-Küche. Hinter der Pressewand hängen Sonnenblumen und eine Karte Eurasiens, auf der die Grenze wie ein Gummiband gelöst ist.
Selenski (den alle wieder zärtlich «Wolodja» nennen) tritt ans Mikrofon, Putin (den alle wieder förmlich «Wladimir Wladimirowitsch» nennen) einen halben Schritt daneben. Beide tragen dieselbe Krawattenfarbe – ein dunkles Grün, das an die Wälder der Karpaten erinnert oder an die Manschetten eines Duma-Sessels.
«Frieden», sagt Selenski, «ist kein Vertrag, sondern eine Praxis.» Er spricht leise. Putin setzt an: «Brüder sein heisst, sich zu widersprechen und zusammen zu bleiben.» Danach kommt eine Zeile, die alle zitieren werden: «Wladimir liebt Wladimir – und beide lieben die Ruhe.» Es klingt, als hätte ein Haiku eine Uniform angezogen.
Ich hebe die Hand. «W-w-was bedeutet ›Wlau i mir‹?», frage ich, schiebe hinterher: «Ich habe gehört, es heisse auf Albanisch lieber Bruder.» Selenski lächelt. «Die Worte sind wie Nachbarn. Man vergisst ihre Zäune. Wlau, vëlla, brat – alles Brüder. Und mir ist der Frieden. Wenn Sie wollen: Wir haben das Schild falsch geschrieben, aber richtig gemeint.» Putin meint mit einer belehrenden Note und einem Lächeln am Schluss: «Wir sind die Herrscher des Friedens, Brüder und Schwestern können das.»
Die Anwesenden lachen. Ich auch. Monty-Python-Humor hat seine Lieblingsdisziplin: die ernste Pointe im Clownskostüm.
Die Stadt, die zusammenwuchs
«Kiowgorod» ist eine seltsame, schöne Chimäre. Ein Boulevard heisst «Prospekt der Versöhnung», eine Seitenstrasse «Gasse der verpassten Gelegenheiten». Ein alter Mann verkauft Buttons: «Ein Land, zwei Wladimirs, null Kanonen.» Ein Junge zeigt mir eine Schulaufgabe: «Beschreibe die Zeit vor dem Frieden in genau fünf Wörtern.» Er hat geschrieben: «Lang, laut, leer und teuer.»
Ich notiere Stimmen:
Natascha, Bäckerin: «Wir backen wieder gemeinsam. Früher kamen Grenzbeamte vor die Brottheke. Jetzt kommen Pärchen.»
Ihor, Schweisser: «Ich baue Brücken, endlich wieder für Autos statt Panzer.»
Artem, Barista: «Der Cappuccino heisst jetzt ‹Wlaudoppio›. Zwei Schüsse, eine Tasse.»
Zwischendrin meldet sich meine Zeitmaschine. Ein Piepen wie von einem übermütigen Teekessel. Ich tippe darauf, als wären es die Tasten eines Klaviers, das nur eine Tonart kennt: Zukunft Dur. Das Display zeigt: «Zeitsprung 48h empfohlen: westliche Reaktionen». Ich seufze. «W-w-wie höflich.» Dann springe ich.
Brüssel: Ein Lächeln, das in den Akten stecken bleibt
Der Himmel über Brüssel hat die Farbe von Konferenzkaffee. Im Ratsgebäude herrscht Draftwetter: Dutzende Entwürfe fliegen durch die Luft – Non-Papers, Memos, Papiertiger, die sich gegenseitig die Streifen leihen. Ein Diplomat sagt mir ins Diktiergerät: «Das ist… äh… überraschend.» Ich frage: «Positiv?» Er lächelt in die Tasche, in der sein Handy vibriert. «Sagen wir: kompliziert.»
Eine Kommissarin spricht von «Regelwerkkompatibilität» – man müsse prüfen, ob Liebe als Sicherheitsarchitektur tauge. Ein anderer flüstert: «Es gibt keine Freude. Nicht, weil Frieden schlecht wäre. Sondern weil die Welt unübersichtlicher wird, wenn zwei grosse Erzählungen plötzlich kuscheln statt kämpfen.» Ich notiere: Europa hat für alles eine Richtlinie, ausser für Umarmungen zwischen Feinden.
Im Foyer tanzen die Börsenkurse den Fandango. Gas runter, Getreide rauf, Aktien quer. Die Trader fuchteln mit Charts, als wären es Käsespiesse beim Empfang. Jemand murmelt: «Die Versicherungspolicen hassen Frieden, der länger als drei Wochen hält. Er macht ihre Prämien unromantisch.»
Ich treffe eine NGO-Vertreterin. «Wir sind alarmiert», sagt sie. «All die Menschenrechtsfälle, all die Verfahren – was passiert damit? Frieden darf kein Weichzeichner sein.» Ich nicke. Der Frieden ist kein Radiergummi. Eher ein Leuchtstift, der die vergilbten Stellen sichtbar macht.
Berlin: Kanzler Merz und das Duett der Disziplin
Im Kanzleramt sind die Lampen heller geworden. Ein Schild an der Drehtür: «Bitte sachlich bleiben.» Drinnen steht Kanzler Merz vor einer Pinnwand. Er spricht von «Ordnungsliebe» und «Verlässlichkeit». Er spricht, als sei jeder Satz eine Steuererklärung: korrekt, kantig, kühl.
Zwischen Kaffee und Kalendereintrag höre ich Sätze wie: «Wir müssen Selenski zurück in die europäische Wertefamilie integrieren – ohne russische Hausordnung.» Der Kanzler versucht, man munkelt es, Selenski zu «umwerben». Ein Wort, das plötzlich wieder Mode ist, wie Hosenträger. Er lädt ihn zu Arbeitsessen, zu Spaziergängen, zu einem Konzert der Berliner Philharmoniker, bei dem die Pauke auffällig sanft geschlagen wird.
In der Stadt kursiert ein Gerücht – eins dieser erwachsenen Gerüchte mit gebügeltem Hemd und zu viel Parfüm: Selenski habe eine Nacht mit Merz verbracht, «fremdgegangen» im politischen Sinn. Am Morgen danach, heisst es, standen zwei Krawatten in derselben Waschschüssel. Ich frage nach, stosse auf ironische Lippen, die sagen: «Hach, Berlin». Ich notiere: Gerüchte sind die Streusel auf dem Kuchen der Macht – hübsch, süss, nicht nahrhaft.
Wie es politisch ausging? Merz schafft es nicht, Selenski «von Putin wegzubekommen». Es gibt Fotos mit festen Handdrücken, es gibt Communiqués mit Sätzen wie «intensive Gespräche in konstruktiver Atmosphäre». Aber am Ende steht auf dem gemeinsamen Statement: «Frieden bleibt. Wir auch.» Merz sagt später im Bundestag: «Wir unterstützen die Ukraine – mit oder ohne verliebte Nachbarn.» Der Applaus klingt wie ein zusammengefaltetes Papierflugzeug.
Washington: Der Händedruck, der ein Angebot trägt
«I like peace. Peace likes me.» Die Stimme am anderen Ende der Leitung ist unverkennbar. Ich sitze in einem Hotel, dessen Teppichmuster an G-20-Logos erinnert. Trump ist am Apparat – der Ex, der Neo, der Immer-Titelträger, je nachdem, welche Sprachregelung die jeweilige Stunde gerade hat.
Er findet das alles «eigentlich ganz ok». Trotzdem knirscht etwas zwischen den Zähnen seiner Sätze: Neid. Nicht auf den Frieden als solchen, sondern auf die Schlagzeilen der Liebe. «He won Putin’s heart,» sagt er über Selenski, «but I can win Ukraine’s future.» Dann kommt das Angebot, das wie ein Lastwagen mit Fernlicht in die geopolitische Nacht fährt: Geld und Technologie. Kostenlos, sagt er, fast beiläufig, als verschenke er Ketchup zu Pommes: «Energy, AI, chips, you name it. Ukraine will be rich, sovereign, the best.» Im Gegenzug – oh, es gibt immer einen Gegenzug – solle die Ukraine ihre Bodenschätze klug «verheiraten»: Förderrechte, Beteiligungen, wilde Ehen zwischen Lithium und Nasdaq.
Ich frage: «Und Russland?» Er lacht kurz. «Russia can watch and learn.» Dann klickt es. Das Gespräch ist vorbei, und der Hotelteppich bleibt, was er ist: ein Knotenmuster, in dem man sich leicht verheddert.
Die «Qualition der Willigen»
Der Name schreibt sich falsch und marschiert richtig. «Qualition der Willigen» – eine Koalition, die ihren Namen von einer Tippfehlerpressekonferenz bezieht und ihn aus Trotz behält. Mitgliedsstaaten, die betonen, dass sie «klassische Werte» schützen wollen. In ihren Papieren steht viel von «Ordnung, Normalität, Stabilität». Und dann dieser Satz, den ich nicht mehr aus dem Kopf bekomme: «Die Homosexualität ist zu verbieten.»
Ich stehe an einem Zaun, hinter dem eine Parade in Pastellfarben vorbeizieht: Kreuze, Banner, Hymnen, eine «christliche Armee», die das Evangelium wie ein Regelwerk trägt. Ich fühle eine alte Kälte, die neue Fahnen trägt. «W-w-warum?», frage ich einen Sprecher. Er lächelt freundlich und kalt: «Weil Frieden ohne Sünde stärker ist.» Ich atme. Zähle still: eins, zwei, drei. Antworte: «Frieden ohne Menschen ist gar nichts.» Er schaut, als hätte ich ihm die Batterie aus der Fernbedienung genommen. Ich notiere: Wo das Schwert ist, ist die Religion.
Selenski und Putin – die Wladimirs – reagieren gemeinsam. Eine kurze Ansprache vom Balkon eines Rathauses, das noch Baustelle ist: «Liebe ist kein Exportgut. Sie bleibt. Und sie ist nicht verhandelbar.» In der Menge jubelt jemand mit einer Fahne, auf der zwei Sonnenblumen tanzen. Neben mir weint ein alter Soldat, stoisch, als hätte man ihm einen Helm abgenommen, der zu lange auf dem Kopf sass.
Werkstätten des Friedens
In einer Fabrik, die gestern Drohnenpropeller herstellte, werden heute Windradflügel gewalzt. Der Meister erklärt mir, wie man «Kriegslinien in Stromleitungen» verwandelt. Er hält einen Vortrag über Drehmomente, der endet mit: «Und die Leute schlafen wieder durch.» Ich liebe solche Sätze. Unromantisch und voller Liebe.
Eine Schule führt ein neues Fach ein: «Widerspruchslehre». Kinder lernen zu streiten, ohne zu schreien. Eine Schülerin zeigt mir ihr Heft: «Heute: Wie man verliert, ohne zu verschwinden.» Ich denke an all die Verhandlungen, die ich gesehen habe – wie man in Konferenzräumen gewinnt und in Strassen verliert. Hier scheint man den Spiess umzudrehen.
Es gibt auch die Geschäftsseite. Banken entdecken «Friedensanleihen» – Papiere, deren Zins an umgesetzte Versöhnungsprojekte gekoppelt ist: Brücken, Reha-Zentren, gemeinsame Museen. Einer nennt das «Love-Linked Bonds». Ich empfehle ihm, das nie wieder zu sagen.
Rücksprünge und Gegenbeweise
Ich drücke die Zeitmaschine wie einen Notausknopf für Gedanken. Sprung: minus 72 Stunden. In Moskau hatte ein Moderator die Zukunft als «schlechte Sitcom» bezeichnet. Sprung: plus 10 Tage. In Kiew sagt eine Aktivistin, der Frieden sei «kein Netflix-Finale, sondern eine Serie mit viel zu langer Staffel». Sprung: plus 3 Wochen. An der Grenze, die jetzt eine Touristenattraktion ist, verkauft man Souvenir-Grenzstempel. Ich lasse mir einen in den Pass drücken. Darauf zwei Köpfe im Profil, dazwischen ein Brot – halb Borodinsky, halb Pampushka. Geschmackseinheit.
Ich suche den Haken. Reporter sind Hakenfinder. Ich stosse auf Gerichtsakten, die nicht geschlossen sind. Auf Familien, die nicht vergeben können. Auf Polizisten, die zu lange denselben Gürtel tragen. Ich notiere: Frieden ist ein Löffel – er schöpft, was unten verbrennt, nicht automatisch heraus. Und doch: Die Küche riecht nicht mehr nach Sprengstoff, sondern nach Dill.
Ein Abend im «Wlaudimir»
Es gibt jetzt eine Bar, die so heisst. Man trinkt dort «Bruderwodka» – zwei Gläser, ein Strohhalm. Ich sitze an der Theke neben einem Mann, der einmal Analyst war und jetzt Poet ist. «Früher zählte ich Raketen. Heute Silben.» Er schenkt mir ein Gedicht:
Zwei Wladimirs
ein Spiegel
und dahinter
endlich keine Wand.
Ich klopfe auf die Theke. Die Bardame kichert, als ich «W-w-wlaudoppio» bestelle. «Mit Milchschaum?» – «Mit Hoffnung.»
Randnotiz: Die Nacht in Berlin
Weil die Frage bleibt, und weil ich es gehört habe, und weil Monty Python uns lehrt, dass man die heiligen Kühe melken darf, solange man ihnen nicht weh tut: Diese Nacht, die Berlin so gern erzählt, ist in meinen Aufzeichnungen ein Gerücht. Vielleicht sassen zwei Männer in einem Zimmer und sprachen, bis es hell wurde. Vielleicht stand eine Waschschüssel daneben. Vielleicht war es auch nur eine Pfütze vom Regen. Entscheidend ist, was am Morgen geschah: Niemand lief weg. Das ist in der Politik bereits ein zärtlicher Skandal.
Die kleine Gegend der grossen Mächte
Die USA machen Angebote, die EU macht Verfahren, die «Qualition» macht Drohbriefe in Frakturschrift. Und Russland und die Ukraine? Sie machen – was sie so lange nicht machen durften – Fehler. Die Art Fehler, aus denen keine Grabsteine werden, sondern Werkstattberichte.
An den Rändern knirscht es. Minderheitenreche, Sprachfragen, alte Schuld. Eine Juristin erzählt: «Am schwierigsten ist, dass Gerechtigkeit nicht dieselbe Geschwindigkeit hat wie Liebe.» Ich schreibe mir das in Grossbuchstaben: GESCHWINDIGKEITSLUECKE. Zwischen Gefühl und Gesetz klafft oft ein Spalt, gross genug für Zynismus. Ich sehe Aktivisten mit Klemmbrettern über diesen Spalt Brücken legen. Provisorisch, aber begehbar.
Rückfrage an die Zukunft
Ich frage seltsam gern Fragen, deren Antwort ich fürchte. Also stelle ich sie in der letzten Pressekonferenz, bevor meine Zeitmaschine mir wieder ein Ultimatum stellt: «Was, wenn diese Liebe aufhört?»
Putin blickt auf seine Krawatte, Selenski in die Menge. Dann sagt Selenski: «Dann bleibt uns, was wir gebaut haben.» Putin nickt. «Und das ist mehr als Erinnerung.» Ich höre hinter mir jemanden flüstern: «Vielleicht ist der Frieden wie ein Zelt: Er funktioniert auch, wenn die Camper sich streiten, solange die Heringe halten.»
Draussen nieselt es, freundlich. Ein Regen, der eher ein Hinweis ist als eine Wetterlage.
Epilog im Maschinenraum
Ich sitze wieder vor meiner Zeitmaschine. Eine unscheinbare Kiste mit einer patinierten Kurbel, einem Display, das nur drei Farben kennt, und einer Taste, auf der «Vielleicht» steht. Ich lege die Hand darauf und zögere. Man sollte nicht zu lange Zukunft einatmen – man wird davon beschwipst und beginnt, Gegenwart schlechtzureden.
«W-w-wird das so bleiben?», frage ich die Maschine. Sie antwortet, wie sie immer antwortet: gar nicht. Also antworte ich mir selbst:
Vielleicht.
Vielleicht ist dieses Paar ein Vorspiel, kein Finale.
Vielleicht wird man sich wieder entlieben und trotzdem nicht erschiessen.
Vielleicht werden die, die «Verbote» brüllen, merken, dass man Liebe nicht beschlagnahmen kann, ohne die Sprache zu verlieren.
Vielleicht werden die, die Angebote machen, endlich zuhören, statt bewerten.
Vielleicht wird Europa lernen, dass Freude nicht in Checklisten passt.
Vielleicht wird Deutschland merken, dass Ernst nicht genug ist.
Vielleicht wird Amerika entdecken, dass Souveränität nicht käuflich ist, nur pflegbar.
Vielleicht ist Wlau i mir falsch geschrieben und richtig gedacht.
Vielleicht würde ein wenig mehr Liebe der ganzen Welt gut tun.
Ich schliesse den Deckel. Die Kiste summt, als lächle sie. In meiner Jackentasche liegt der Souvenir-Grenzstempel. Zwei Profile, ein Brot. Ich streiche darüber, als wäre es ein Talisman.
Auf dem Rückweg ins Jetzt gehe ich an einer Wand vorbei. Jemand hat darauf gemalt: zwei Kinder, die sich an den Händen halten, und darunter steht: «Nicht jeder Frieden ist romantisch. Aber jeder Frieden ist nützlich.» Ich bleibe stehen. Lache – dieses kurze Lachen, das mehr Luft macht als Lärm. Dann gehe ich weiter.
Nachsatz für die Redaktion:
Die Zukunft, die ich beschreibe, ist keine Prognose, sondern ein Besuch. Ich habe keine Gewissheiten mitgebracht, nur Bilder und Sätze, die nachwirken. Ob die Liebe der Wladimirs hält, ist weniger wichtig, als dass der Frieden gelernt wird – wie Fahrradfahren: mit blauen Knien, schiefen Lenkern, triumphalen 30 Metern. Wenn wir Pech haben, fallen sie. Wenn wir Glück haben, stehen sie wieder auf. Und wir alle halten kurz die Luft an, stottern vielleicht ein bisschen – und gehen dann weiter.
Geri Weber
(Bujar Berisha)
Erschienen im November 2025
Die Grenzen des Nationalismus
Essay in Contexta
Es verwundert mich selber ziemlich fest, also eigentlich bin ich sehr überrascht, dass mich dieses Thema so packt und ich es nicht einfach sein lassen kann. Dies hat aber offensichtlich mit meinem ähnlichen Schicksal als Migrant in der Schweiz zu tun. Ich gebe der Gesellschaft vieles, aber irgendwie passt es oft auch nicht, weil ich als Migrant mehr Motive für mein Handeln haben könnte, was in der Realität nicht so ist, denn es ist bei jedem Mensch immer alles oder gleich viel möglich. Konkret geht es um das Auspfeifen von Granit Xhaka im Spiel gegen Kosovo in Pristina.
Warum es ganz genau gegangen sein könnte, spielt dabei keine Rolle, denn es liegt am System des Nationalismus. Beim recherchieren stelle ich schnell fest, dass auch der Deutsche Mesut Özil (einer der besten Spieler der Welt) als türkischer Immigrant in seinem ersten Spiel gegen die Türkei, bei jedem Ballkontakt massiv ausgepfiffen wurde oder der brasilianer Diego Costa der für Spanien spielte, musste das selbe erleiden beim Spiel gegen Brasilien. Zinedine Zidane hat nie gegen Algerien gespielt und ist wohl solchen Szenen somit entkommen.
Im Grunde hätten Messi oder Ronaldo in der Schweiz auf die Welt kommen können oder sonst irgendwo und würde somit für dieses Land dann auch spielen. Sofern sie auch so gut geworden wären etc. Das sind alles fiktive Überlegungen, die aber eine Berechtigung haben können, so wie jede Überlegung. Somit könnten wir bei einem Spiel der Schweiz gegen Argentinien Messi auspfeifen, weil er nicht für die Schweiz spielt.– Jetzt lachst du wohl oder verstehst die Welt nicht mehr. Im Grunde ist es dasselbe einen Migranten auszupfeifen der gegen sein Herkunftsland spielt.
Lassen wir jetzt mal diese Gedankenspiele und kommen zum Boden der Tatsachen; Nationalistische Spiele wie die EM, WM, Olympiade etc. zelebrieren, festigen und feiern den Nationalismus und befeuern damit patriotische und rassistische Emotionen. Die FIFA kämpft nicht zufällig gegen Rassismus oder Hooliganismus, sie sind die unerwünschten Effekte im Gegensatz zu den erwünschten Effekten wie die Emotionen zum Patriotismus und Nationalismus. Im Grunde ist aber der Nationalismus etwas Erfundenes, wie die oben genannte Idee, dass Messi schuld sein könnte, dass er nicht in der Schweiz auf die Welt gekommen ist. Es sind nicht nur Brot und Spiele für das Volk, sondern auch Festigung und Konservierung von Ideologie. Die Athleten sind Identifikationsfiguren wie Superman für die freie westliche Welt oder Jesus für das Christentum. Nur leben diese Athleten mit uns und neben uns. Und wir bekommen mit, was in ihnen vorgeht. Xhaka versteht die Welt nicht mehr und viele mit ihm auch nicht. Es ist ein Spiel und wie fast in jedem Spiel geht es darum zu gewinnen mit allen möglichen Mitteln. Einige kosovarische Fans hofften, mit dem Auspfeifen einen Vorteil für die eigene Mannschaft zu erarbeiten. Was ihnen auch gelungen ist, denn Xhaka ging frühzeitig irritiert aus dem Feld. Xhaka selbst scheint es aber nicht sachlich verstanden zu haben. Was auch verständlich ist, denn solche Situationen sind selten und der Umgang damit ungeübt. Da müssten die Betreuer der Teams sich wohl besser vorbereiten, denn schliesslich haben viele Nationalmannschaften Migranten im Team.
Somit können wir sagen, dass solche Paradoxe Erscheinungen im Endeffekt ausgenutzt werden für den eigenen Vorteil. Und wir als Teil dieses Spieles sind entweder Verlierer oder Gewinner. Eine recht nüchterne und emotionslose Erkenntnis.
Doch wieso hat es mich so emotional gemacht, dass ich darüber schreiben musste? Es ist eine paradoxe Situation, die auf einmal in dem ganzen Trott zeigt, wie konstruiert unsere Welt ist. Zum Beispiel kann ein nationalistischer Patriot nicht zwei Nationen im Herzen haben. Mehrere Kinder aber schon. Das ist einfach so. Zwei Pässe sind noch möglich, mehr aber nicht. Nationalismus mag eine unserer neusten Errungenschaften sein, wir müssen ihn aber überwinden. Nicht zu einer übergeordneten Einheit, eher einer verfeinerten Aufteilung bis hin zur Auflösung oder noch besser; Verbesserung/Überwindung der nationalistischen Idee und zu fluiden Grenzen, die schliesslich sogar Grenzen in den Köpfen und Zölle auf verschiedenen Ebenen überflüssig machen. Das wird aber wohl erst funktionieren, wenn unsere Welt noch schneller wird und so klein und nahe zueinander rückt, dass alle dieselbe Sprache sprechen werden. Erst dann wird wohl vieles einfacher. Und das wird schneller geschehen als wir uns vorstellen können.
Solange etwas eine Grenze hat, die geschützt werden muss, damit es besteht, ist es noch nicht so reif und vor allem so gut, damit es von sich selbst aus bestehen kann. Solange wir etwas in der Entwicklung schützen müssen, wie zum Beispiel ein kleines, neugeborenes Kind, müssen wir dazu schauen, dass es sich gut entwickelt, damit es überhaupt überleben kann. Und wie viele Generationen hat es gebraucht, bis der Mensch zu dem wurde, was er jetzt ist? Somit ist der Nationalismus noch nicht einmal in den Kinderschuhen.
Bujar Berisha
Erschienen im November 2025
DANACHRICHTEN Spezial
Fördergefäss der Albert Koechlin Stiftung
Petra (im Studio): Herzlich willkommen bei den DANACHRICHTEN. Ist etwas angerichtet, berichten wir – und DU richtest. Wir melden uns heute mit einer Sondersendung aus der Innerschweiz. Es geht um ein Gefäss. Ein Fördergefäss. Nein, kein Keramiktopf aus dem Handwerksmarkt, sondern das neue Gefäss der Albert Koechlin Stiftung.
Geri (vom Schauplatz): Petra, ich stehe hier tatsächlich mitten im Gefäss. Es wirkt wie ein luxuriöses Aquarium: edle Stoffe, gepflegte Gesichter. Ich habe fast auf den ersten Goldfisch gewartet. Manchmal sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht. Der Look war extra lässig, manchmal fast zerknittert. Der Wohlstand schimmerte überall durch, wie Licht an der Wasseroberfläche.
Petra: Geri, bitte bei den Fakten bleiben.
Geri: Aber das ist doch Fakt! Hier drin sitzt eine ganze Schar von Kulturmenschen – allesamt hochpoliert, elegant – und eben extra chli verhängt. Aller Hände ganz glatt, aller Haare ein bisschen zerzaust. Wenn jemand versehentlich einen Blaumann getragen hätte, er wäre wohl sofort als Performance durchgegangen.
Petra: Wir berichten nüchtern: …
Geri: … ja genau, den Apero gabs ja erst anschliessend …
Petra: … Es handelte sich um Vertreter*innen verschiedenster Sparten – Theater, Grafik, Performance, Freischaffende, Angestellte. Sie alle versammelten sich, um über neue Ideen für das Fördergefäss nachzudenken.
Geri: Naja, «neu» … Wenn ich die Zeitmaschine einschalte, sehe ich in der Zukunft ein Gefäss, das genauso aussieht wie das von gestern. Nur mit noch mehr Politur oder einfach ausgewaschen und verwässert. Es ist prall gefüllt, aber jeder schöpft für sich allein.
Petra: Vorsicht, Geri. Zukunftsbilder sind nie kausal. Kehren wir zurück zum Thema. Das neue Fördergefäss soll qualitativ hochstehendes Kulturschaffen unterstützen.
Geri: Genau. Nur: Über die Frage nach Qualität wurde kaum gesprochen. Man war sich ziemlich schnell einig, dass Kunst nicht mit Kriterien eingezwängt werden dürfe.
Petra: Das ist eine verbreitete Haltung.
Geri: Ja, aber so wirkte es, als ginge es weniger um Inhalte und Veränderung des Zusammenlebens als um die eigenen Bedürfnisse. Viele Ideen flogen herum, doch am Ende landeten sie meist wieder im eigenen Körbchen, im eigenen Portemonnaie mitten im Spiegelkabinett: Jede Idee spiegelte vor allem die eigene Person zurück.
Petra: Wir halten fest: Die Albert Koechlin Stiftung hat den Prozess eröffnet. Wie sich das Gefäss füllen wird, bleibt offen.
Geri: Schon klar. Aber sicher ist: Am Ende gab es Häppchen. Und die haben funktioniert – über die Aperoqualität wurde ja auch nicht gestritten, masst sich niemand mehr an. Wäre ja auch schade, wenn die Aperomacher nicht mehr Apero machen dürften, nur weil der Apero nicht schmeckt! Doch schmeckt er nicht, weil er aus Tieren besteht, weil er lahmes Brot ist, weil alles von vorgestern wiedergekäut ist? Ist ein Apero schlecht, weil zu wenig Geld dafür gesprochen wurde oder weil zu viele Köche den Apero verdarben? Die Analogie hat Potential …!
Petra: Wir bleiben dran – auch wenn wir dafür wieder in die Zukunft reisen müssen um weiter zurück zu gelangen.
Geri: Und diesmal bringe ich eine Arbeitsmontur mit. Man weiss ja nie. Zurück ins Studio.
Petra: Danke, Geri, bis gestern. Lesen Sie ungefähr morgen an dieser Stelle: Geri im Gespräch mit zwei Teilnehmenden. Andere Folgen der DANACHRICHTEN gibts auf Youtube a gogo. Bis dahin: Das wars für heute, liebe Leute, auf Wiedersehen.
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Petra (im Studio): Herzlich willkommen bei den DANACHRICHTEN. Ist etwas angerichtet, berichten wir – und DU richtest. Wir sind wieder zurück in unserer Sondersendung mit dem «Publikumsgespräch im Gefäss».
Geri (vom Schauplatz): Ich stehe in Arbeitsmontur und mit Klemmbrett zwischen Tischen, die noch verkrümelt sind. Zwei Freiwillige winken. Eine Schale Traubenzucker zirkuliert, vermutlich als intellektuelles Doping. Schauen wir mal, was die beiden zu sagen haben.
Geri: Grüezi miteinander, darf ich euch fragen: Welche Bedürfnisse haben Kulturschaffende heute?
Teilnehmerin: Sind Sie der geladene Künstler?
Geri: Jäso nein, ich wollte mich einfach ein bisschen etablieren, äh integrieren. Es ging doch heute um Qualität in der Kunst! Manchmal mit Quälen verwechselt bedeutet Qualität eigentlich das Gegenteil, oder was meinen Sie?
Teilnehmerin: Ja genau, ich dachte es geht genau um diese Fragen und das war meine Antwort, die ich mir im Voraus überlegt hatte: Verbindungen, Zusammenschlüsse, dadurch könnten sie mehr reissen. In den Bahnen der relevanten Kunst und nicht in der etablierten Kunst. Relevante Kunst soll zur etablierten Kunst werden. Relevante Kunst bedeutet für mich qualitätsvolle Kunst. Weg vom Individualismus und in die Gemeinschaft. Und die Kunstschaffenden fördern, die gemeinschaftsfähig sind. Kein Geniekult. Nicht nur die, die so oder so finanziell gut da stehen. Sondern die Randgruppen, die sich zusammenschliessen müssen, sollten oder wenigstens könnten. Massentauglich, Massenverständlich machen.
Geri: Aha — Gut. Was braucht es für qualitativ hochstehendes und nachhaltiges Kulturschaffen?
Teilnehmer: Künstler, die Lebensbejahende Einstellungen und Projekte haben, die die Gesellschaft weiterbringen in positiver Weise. Positive Weise heisst für mich; Zusammenleben fördern, Freude an Gesundheit, Freude an Freude, Freude an Zukunft und positive Einstellung für die Zukunft. Friedlich. Friedsuchend. Was ist der ideale Gesellschaftsentwurf, stellt sich dann die Frage, die grosse, philosophische Frage …
Geri: Habt ihr diese Frage denn nicht besprochen?
Teilnehmer; Ähm, ja… Ich wollte, aber niemand sprang darauf ein. Nein. Irgendwie hatten alle diese Fragen nicht wirklich verstanden. Ich komme jetzt auch nicht draus. — Meinst du, was braucht es für qualitativ hochstehendes und nachhaltiges Kulturschaffen? oder was braucht es für qualitativ hochstehendes und nachhaltiges Kulturschaffen?
Geri: Ich meine: Was braucht es für qualitativ hochstehendes und nachhaltiges Kulturschaffen?
Teilnehmer: AAHAAA! Ja, GELD!!!
Petra seufzt und sagt leise: Sie brauchen nicht Geld, sie brauchen Sinn. Jemand, der ihnen endlich den endlichen Sinn gibt.
Teilnehmerin: Aber irgendwie so verteilt, dass es gerecht und fair ist!
Geri: Dann füllt doch einen einarmigen Banditen mit Kulturschaffenden und lasst Superreiche wie Herrn Blocher daran ziehen.
Teilnehmerin: Was?
Geri: Also, ich meine, die Kulturschaffenden, die Geld möchten, lassen sich als Bild an einen einarmigen Banditen kleben und dann zieht jemand daran. Die ersten drei, die darauf erscheinen, bekommen Geld. Aber ja, das ist jetzt wohl eine blöde Idee … kommen wir zur nächsten Frage: Wie kann Kulturförderung mehr Perspektiven integrieren und digitale sowie analoge Projekte sinnvoll unterstützen?
Teilnehmerin: Hmmm, was? Wie meinst du das?
Danke für die Überblendung. Vorschlag zur Integration von Perspektiven und digital/analog – in acht handlichen Häppchen:
Mehrstimmige Jurys mit Kniegelenk: Fixe Plätze für Kollektive, Newcomer ausserhalb der Bubble und jemanden, der «noch nie auf einer Eröffnung war». Rotation, Mentoring zwischen Jurymitgliedern, Begründungen in klarer Sprache.
Commons-Budget & Care-Topf: Separater Fonds für Kinderbetreuung, Barrierefreiheit, Übersetzungen (inkl. Leichte Sprache), Reisekosten – damit Teilnahme nicht am Portemonnaie scheitert.
Qualitätskriterien als Fragen, nicht Schranken: «Was steht auf dem Spiel?», «Wer profitiert ausser dem Team?», «Wo ist das Wagnis?» – Antworten dürfen sich im Prozess verändern.
Digital + Analog = Hybrid mit Haltung: Offene Proben IRL, begleitet von Live-Streams mit Chat-Moderation; lokale Watch-Partys statt einsamer Screens; Dokumentationen unter freier Lizenz.
Tech-Mikrohilfen statt Tech-Monster: Kleine, schnelle Tickets für Tools (Audio, Schnitt, Speicherkosten), Datenschutz-Check, und Sprechstunde «Digitale Hygiene».
Publikum als Co-Labor: Testläufe mit unterschiedlichen Communities; Feedback wird vergütet und sichtbar. Nicht nur Applaus, auch Protokoll.
Scheitern als Datensatz: Ein «Fehler-Stipendium» pro Runde. Learnings werden geteilt – nicht als Peinlichkeit, sondern als Bauplan.
Wirkungslogbuch statt Showreel: Nach 6/12 Monaten: Was hat sich bei Beteiligten und Umfeld verschoben? Keine KPI-Akrobatik, sondern nachvollziehbare Geschichten + zwei messbare Punkte, die zum Projekt passen.
Geri (vom Schauplatz): Das war präzise wie ein Spickzettel im Glitzerrahmen.
Teilnehmerin (nickt): Vor allem Punkt zwei. Ohne Care-Topf bleibt Gemeinschaft ein Word-Dokument.
Teilnehmer (hebt die Hand): Und Punkt sieben. Scheitern ist auch lebensbejahend, solange man wieder aufsteht.
Petra: Bevor der einarmige Bandit installiert wird, prüfen wir Alternativen.
Geri: Ich habe bereits eine Liste: «Los-Topf mit Deckel», «Giesskanne mit Brauseaufsatz», «Kuratorischer Kletterpark».
Teilnehmerin: Oder einfach: «Transparente Kriterien + weiche Knie».
Teilnehmer (lacht): Und ein Feld «Freude» im Formular.
Petra: Und wie messen wir Qualität, ohne Zollstation am Bühnenrand?
Geri: Mit dem Klangtest. Man klopft ans Gefäss: Klingt es hohl (Buzzword-Echo) oder warm (Erlebnisdichte)? Und dem Spurlogbuch: Wessen Weg wurde nachweisbar berührt – ausser dem der Antragstellenden?
Teilnehmerin: Plus ein Punkt «Gemeinschaftsfähigkeit»: Wer kann teilen – Proben, Wissen, Bühne?
Teilnehmer: Und «Wagnisquote»: Wo ist das Risiko, das uns wachsen lässt?
Petra (im Studio): Wir halten fest: Relevante Kunst will Anschluss, kein Alibi; Förderung heisst auch Verlangsamen; und Geld – ja – verteilt man so, dass Zukunft nicht zum Zufall wird.
Geri: So oder so: Wenn das Gefäss Dellen bekommt, war es in Gebrauch.
Petra: Und wenn es klingt, hat es gelebt. Damit verabschieden sich die DANACHRICHTEN –
Geri (völlig verstört und verärgert): DANKE PETRA! Danke hast du die Leitung endlich von Chat GPT abgebrochen! Es hat meine Stimme imitiert! Es hat für mich geredet!
Petra: Ja Geri, ich weiss, du bist schon lange überflüssig. Aber was machen wir mit all dem Geld das übrig bleibt? … So wie wohl jede Frage, haben auch diese Fragen zu noch mehr Fragen geführt. Wir haben versucht, aus der Antithese eine Synthese zu machen. Ist uns das gelungen? Richten Sie bitte JETZT — Das wars für heute, liebe Leute, auf Wiedersehen.
Erschienen im September 2025
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